Mein Senf zu Israel

Von Tourismus, Jerusalem und anderen Dingen


Es ist ein kleiner Virus, der das normale Leben weltweit zum Stillstand bringt. Im Vergleich dazu sah meine ganz persönliche, berufsbezogene Zukunftsapokalypse geradezu bescheiden aus. Ich dachte immer, es würden Nachrichten von Rakteten, Messerstechern oder Selbstmordattentätern sein, die durch die Straßen Israels fegen und die Touristen aus dem Land treiben würden.

Ich habe mir einen blutigen Aufstand im Westjordanland vorgestellt, einen Angriff durch den Iran oder durch die Hisbollah (was ja mehr oder weniger das Gleiche ist), noch mehr selbstgebastelte Raketen aus dem Gazastreifen ... Die Fantasie braucht hier keine Flügel, sondern stampft in Kampfstiefeln daher. Gründe für Tumult im Heiligen Land gibt es mehr als genug.

Wie sich das auf den Tourismus auswirkt, weiß ich, ohne meine Fantasie anstrengen zu müssen. Die Touristen sind die Fühler der Schnecke. Das erste Anzeichen von Krise und weg sind sie, die Fühler und die Touristen.

Moment ...

Eben habe ich von meinem großen Sohn einen Anruf bekommen. Die Ausgangssperre, die seit reichlich einer Woche in Kraft ist, gilt nicht nur für uns Zivilisten, sondern auch für alle Soldaten der israelischen Armee. Da allerdings die meisten der Soldaten ohne Vorwarnung und ohne frische Wäsche in den Kasernen gestrandet sind, erlaubt die Armee nun den Eltern Nachschub zu bringen. Also werde ich mich demnächst ins Auto setzen und losfahren.

...

Mittlerweile bin ich wieder da. Meinen Sohn habe ich nicht gesehen, dafür das wenig einladende Kasernentor von außen und davor eine unglückliche Wäscheannahmesoldatin, die dreinschaute, als ob sie schon seit Wochen ihre Unterwäsche mit Fußbodenreiniger im Waschbecken waschen müsste.

Unterwegs auf der Autobahn habe ich mir überlegt, ob die wenigen Autos vor und hinter mir wohl zu ähnlichen Missionen auf dem Weg sind. Plötzlich wird Unterwäsche zur Mangelware, die DDR-Vergangenheit lässt grüßen und schon bin ich im nächsten Film. Die Wirtschaft geht den Bach runter, und wer weiß, wieviele Leute noch an den Fertigungsstrecken der Fabriken stehen, die elektrische Zahnbürsten, Waffeleisen, Baumwollsocken oder Plastikdosen produzieren? Bei Plastik blinkt wieder eine Warnlampe auf. Während die Israelis in den Supermärkten auch jetzt noch mit Plastiktüten geradezu um sich werfen, haben wir uns früher in der DDR um nur einen einzigen “Blasdigbäudl“ mit buntem Westdeutschland-Aufdruck fast geprügelt.

Nicht nur die israelischen, sondern die Politiker auf der ganzen Welt werden in den nächsten Tagen und Wochen darüber entscheiden, ob wir in Zukunft weiter unbekümmert die Umwelt verschmutzen können oder unter anderem Plastiktüten so behandeln müssen, als ob es Birkin-Handtaschen wären.

Aber zurück zum Thema.

Es ist gerade mal einen Monat her, dass ich mich auf dem Weg zum Treffpunkt mit meinen Gästen durch die hoffnungslos überfüllten Gassen der Jerusalemer Altstadt gedrängelt und dabei insgeheim den Massentourismus verflucht habe.

Vom Damaskustor die Khan es-Zeit Straße hinauf bis zur Kreuzung mit der Via Dolorosa ging es noch recht zügig, doch ab der siebten Station hing ich zwischen singenden und Kreuz tragenden Pilgern aus Malaysia, Latein- und Nordamerika, Polen und Italien fest. Die freien Plätze dazwischen wurden von chinesischen, deutschen, holländischen Gruppen und Individualtouristen aufgefüllt. Verschwitzt und genervt endlich am Treffpunkt angekommen, wusste ich, dass Jerusalem an Ostern und Pessach endgültig aus allen Nähten platzen würde, und nahm mir fest vor, mich der Altstadt in dieser Zeit auf gar keinen Fall zu nähern.

Das waren glorreiche Tage!

Seit über einer Woche schon ist es für mich unmöglich Ramat Hasharon zu verlassen, und Jerusalem samt seiner Sehenswürdigkeiten liegt in unerreichbarer Ferne. Also habe ich eine Freundin darum gebeten, zu dokumentieren, wie es mittlerweile in der Altstadt aussieht.

...

Es herrscht gähnende Leere.

Die Souvenierläden sind geschlossen, auf dem Aftimiosmarkt genauso wie auf der Via Dolorosa, und die Palästinenserfrauen, die ihre Gartenerzeugnissen auf den Treppen vor dem Damaskustor verkauft haben, sind Vergangenheit. Die heiligen Stätten der drei Weltreligionen scheinen von aller Welt verlassen.

Der Zugang zur Klagmauer ist für Nichtjuden gesperrt und dementsprechend ist der Platz vor der Klagemauer leergefegt. Ein paar Meter weiter oben auf dem Tempelberg sind sogar zum Mittagsgebet kaum Gläubige vor der Al Aqsa Moschee, und die halten sorgfältig Abstand voneinander.

In der Grabeskirche sind die Gitter, die sonst die Besucherschlange am Grab Jesu in Rand und Band halten mussten, verschwunden. Mit der Leere kommt die Stille, und der Begräbnisort Jesu wird zum Ort der Ruhe. Der Golgothafelsen, der Salbungsstein und die Rotunda mit dem Grab liegen im Dornröschenschlaf.

Sicher wird jetzt die vielbesprochene Magie dieses Ortes wieder fühlbar, aber außer ein paar wenigen Mönchen und Gläubigen ist niemand mehr da, der sie spüren kann.

Und so sitze ich zu Hause, vor mir eine Kanne Kräutertee, der hoffentlich mein Immunsystem zu Höchstleistungen ankurbelt, und kann mir weiter überlegen, wie das noch alles enden soll.

Die Opposition zumindest hat sich vorsichtig an die Zeiten angepasst. Vorgestern fand eine virtuelle Demonstration für die Demokratie statt. Es war seltsam, rührend, und man konnte endlich mal das verstehen, was die Redner sagten, normalerweise geht das nämlich im Krach der Anwesenden unter.

Die Moderatorin der Demo, Lucy Aharish, wurde am Morgen danach entlassen.

Heute startet ein Autokonvoi in Netanya an der Mittelmeerküste, der bis zur Knesset (dem israelischen Parlament) in Jerusalem führen soll. Eine Demo mit virensicherem Mindestabstand, Stoßstange zu Stoßstange.

Ebenfalls heute wahrscheinlich wird der Oberste Gerichtshof Israels darüber entscheiden, ob die Knesset weiter ausgesetzt bleibt oder ihre Arbeit wieder aufnehmen kann.

Und da ist sie wieder, meine DDR-Vergangenheit. So schlimm wars ja garnicht, könnte man meinen. Wir hatten Unterwäsche, Zahnbürsten, Plastikdosen und sogar solch eklatant unwichtigen Dinge wie Haarföns und Rolltreppen ...

Doch eins hatten wir nicht: ein Parlament, in dem unsere Stimmen, die des Volkes, repräsentiert wurden. Und das wiederum war mehr als schlimm!

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