Mein Senf zu Israel

Stipvisite in Haifa


Haifa, Ben Gurion Boulevard, Deutsche Kolonie
Weihnachtsvorbereitungen auf dem Ben Gurion Boulevard in der Deutschen Kolonie

Nach Haifa kommt nur, wer ein klares Programm hat: Stella Maris, Elias-Höhle, Louis Promenade mit Bahai-Schrein oder Deutsche Kolonie. Kaum einer lässt sich treiben. Das Gegenteil ist der Fall, man denkt, man hat das Wichtigste gesehen, und schon geht es weiter. Dabei ist Haifa in vielerlei Hinsicht eine perfekte Mischung aus Tel Avivs Leichtigkeit und Jerusalems Religiösität. Nur dass die Ausblicke aufs Meer in Haifa spektakulärer sind und sich das Zusammenleben der Religionen harmonischer gestaltet.

Haifa, Bahaigärten mit Bahaitempel
Ausblick von den Bahaigärten aufs Mittelmeer

Das sieht man gerade jetzt. Hannuka, das jüdische Lichterfest ist Anfang Dezember zu Ende gegangen, und Weihnachten nähert sich mit Riesenschritten, doch schon seit einem Monat ist die Stadt geschmückt, als ob der Weihnachtsmann gleich um die Ecke biegen würde. Wenn er denn dann kommt wird er eine Sonnenbrille brauchen. In typisch orientalischer Manier glänzt, glitzert, strahlt und funkelt alles um die Wette.

Haifa, Deutsche Kolonie
Weihnachtsbaum und Hanukkaleuchter in der Deutschen Kolonie

Auch wenn es ein wenig in den Augen wehtut, heimelig ist es allemal. Ein riesiger Weihnachtsbaum und ein genauso gigantischer Hannukkaleuchter geben sich auf der Kreuzung zwischen Hameginim und Ben Gurion Boulevard ein Rendezvous, und romantisch in Szene gesetzt wird das Stelldichein von unzähligen Girlanden, Lichterketten, Weihnachtskugeln, Laternen und Bannern in Schaufenstern, Restauranteingängen und Straßen.

Doch auch Weihnachten ist demnächst wieder vorbei. Was bleibt ist eine ungeschminkte Stadt mit ihrer ganz eigenen Schönheit, in der es unzählige Orte nicht nur zum Schlemmen oder Einkaufen sondern auch zum Entdecken und Verweilen das ganze Jahr über gibt.

Haifa, Hadar Hacarmel, Talpiyotmarkt
Talpiyotmarkt in Hadar Hacarmel

Der Talpiot-Markt im Stadtteil Hadar Hacarmel ist einer dieser Orte. Überwiegend von Einheimischen besucht, bietet er alles was man in der guten Küche unbedingt braucht; saisonfrisches Obst und Gemüse und auch mal Sorten, die es in keinem Supermarkt gibt, wie Zuckererbsen oder haarige Gurken. In der Markthalle ist der Olivenstand besonders beeindruckend. Außer den herkömmlichen marinierten, gesalzenen, gefüllten oder scharf eingelegten Oliven bekommt man auch solche, die geröstet sind.

Haifa, Talpiyotmarkt
1001 Oliven im Talpiyotmarkt

Das kleine Restaurant Arabeska, am Eingang des Marktes hat gerade mal fünf Tische, aber wenn man einen davon ergattert, gibt es levantinische Küche vom Feinsten; Kubbe, mit Hackfleisch gefüllte Grießbällchen, Mansafnah, geschichteter Reis mit Hackfleisch, gerösteten Pinienkernen und Mandeln oder gefüllte Teigtaschen gekocht in einer Joghurt-Minz-Soße.

Haifa, Arabeska Restaurant
So wird Mansafnah im Arabeska serviert

Taschen und Bauch gefüllt mit diversen Köstlichkeiten kann man ein Stockwerk beziehungsweise eine Straße weiter nach oben steigen. Auf dem Treffpunkt von Menachem-, Arlozorov- und Herzlstraße findet man das Pendant zu Tel Avivs Magen David Platz, dem Platz vor dem Eingang in den Carmelmarkt. Hier ist schönstes Bauhaus hoch oben auf dem Carmel versammelt und zwischen den Häusern öffnet sich immer wieder ein grandioser Blick auf die Bucht von Haifa, hinüber nach Akko und weiter, bis hinauf an die libanesische Grenze.

Haifa, Hadar Hacarmel
Herzlstraße im Hadar Hacarmel Viertel

Ein wenig älter als Hadar Hacarmel und komplett anders ist das Wadi Nisnas in Haifas Unterstadt am Fuße des Carmels. Die weiten, geradlinigen Straßen sind gewundenen Gassen, durch die nur in manchen Fällen ein Auto passt, gewichen. Die Häuser stehen dicht an dicht, und einfache Arbeiterbehausungen werden von Stadthäusern im eklektischen Stil aufgelockert.

Haifa, Wadi Nisnas
eine typische Gasse des Wadi Nisnas

Wer hierherkommt sollte Hunger und Zeit mitbringen. Das Wadi ist für seine unzähligen Spezialläden bekannt, die kulinarische Seltenheiten, unter anderem Wildpflanzen der Saison wie Cyclamen und Malvenblätter, Senfstengel oder Chicoree verkaufen. Für diejenigen die das Gekaufte nicht schnurstracks in ihren eigenen Küchen verarbeiten können, gibt es zahlreiche Stände die hausgemachte arabisch-levantinische Spezialitäten anbieten: in einem Bett aus Tomaten geschmorte gefüllte Weinblätter so dünn wie Zigarillos, milde Krautblätter mit Reisfüllung, winzige Teigtaschen mit säuerlicher Käsefüllung ...

Haifa Wadi Nisnas
der Essensstand von Fatma und Lorenzo im Wadi Nisnas

Mein Favorit jedoch ist Frikeh aus geröstetem, grünem Hartweizen, gekocht mit dünnen Fadennudeln. Was sich wie eine fade Beilage anhört, die durch ein Fleischgericht aufgepeppt werden muss, ist ein Reigen aus Aromen; dem rauchigen Geschmack des Hartweizens, dem sahnigen Aroma der Nudeln, dazu ist die Konsistenz genau richtig, ein wenig bissfest und zugleich saftig.

Haifa, Wadi Nisnas
Jugendstilarchitektur im Wadi Nisnas

Wenn man die kulinarischen Versuchungen hinter sich gelassen hat, lohnt es ganz langsam zu schlendern und dabei ein wenig nach oben zu schauen. Viele der Häuser aus der Jahrhundertwende haben noch ihre originalen schmiedeeiserenen Balkongerüste und Fenstergitter und auch die hölzernen Fenster- und Türrahmen sind noch intakt und so schön, dass man sie am liebsten des Nächtens abmontieren und mit nach Hause nehmen möchte, auch wenn das eigene Zuhause garnicht soviele Fenster und Türen hat.

Für die letzte Station geht es wieder ein wenig am Hang des Carmels bergauf. Über der Istiqlal-Moschee, der größten Moschee Haifas liegen die Überreste des einst prächtigen Wadi Salib Viertels. Arabische Herrenhäuser des ausgehenden 19. Jahrhunderts zeugen von der Wohlhabenheit ihrer früheren, christlichen und muslimischen Bewohner. Mit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 flohen viele der Eigentümer, und nur den wenigsten von ihnen wurde erlaubt zurückzukehren.

Haifa, Wadi Salib
der alte Hamam im Wadi Salib

Ihre Häuser mit den typischen Ziegeldächern, eleganten Bogenfenstern und hohen Gewölben verfallen langsam, und die Gärten, die sie einst umgaben, sind von Gestrüpp überwuchert. Wo Türen und Fenster fehlen sieht man teppichgleiche Bodenkacheln aus Jaffa, Mamorsäulen und aufwändig verzierte Holzdecken.

Haifa, Wadi Salib
Warten auf den Dornröschenkuss

Einen Spaziergang durch die morbide Pracht kann man gut mit einem Besuch des Flohmarktes neben der Moschee verbinden. Hier bieten sowohl permanente Läden als auch Stände entlang der Kibbutz Galuyiot Straße Wertvolles und Tand der letzten hundert Jahre an, alte Möbel, schwere Bücher, hauchdünnes Porzellan, Modeschmuck, Exotisches und Nützliches. Während hier vieles auf den Dornröschenkuss der Renovierung wartet, floriert der Hafen, dessen auffällige rot-weiße Kräne man von fast jedem Punkt des Viertels aus sehen kann,, und ist heute eines der wichtigsten Tore Israels in die Welt.

Haifa, Louis Promenade
Ausblick auf Haifa von der Louis Promenade

Egal ob Sie sich an Bauhaus oder eklektizistischen Häusern der Grandeur Paris’ oder Brüssels sattsehen wollen oder einfach nur durch die Straßen der Stadt schlendern und dabei über Seltenes und Unmögliches stolpern wie handgemachte Perlen aus Muranoglas oder Läden voller Reinigungs- und Kosmetikprodukte die man in keiner normalen Drogerie mehr finden kann ... Haifa ist einen Besuch wert, der länger dauert als das atemlose Abklappern der berühmtesten Sehenswürdigkeiten. Und vergessen Sie dabei nicht mindestens aller zwei Stunden zu essen!



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