Mein Senf zu Israel

In die Wüste geschickt

Updated: Apr 6

„Genau so sieht Wüste aus!“, sagt mein Mann. „Nein.“ widerspreche ich ihm, „So sieht es irgendwo auf dem Mars aus!“

Es ist sieben Uhr morgens, und wir sind dabei, die hundertkurvige Straße hinunter in den Ramonkrater mitten in der Negevwüste zu fahren. Vor uns die aufgehende Sonne und zwischen ihr und uns unzählige Bergketten, die aussehen, als ob sie sich eben erst nicht nur aus dem Nebel, sondern auch aus der Erdkruste erhoben hätten.

Der Blick auf den Ostrand des Ramonkraters/Israel
Der Blick auf den Ostrand des Ramonkraters

Lassen Sie sich vom Begriff Krater nicht täuschen, weder ein Meteor noch ein Vulkan sind für die schüsselähnlichen Riesendellen verantwortlich, sondern eine einmalige geologische Kombination aus oberen, härteren Kalksteinschichten und unteren, weicheren Sandsteinlagen. Was damit laut der Forscher wahrscheinlich passiert ist, ist folgendes: Durch einen Faltungsprozess der Erdkruste riss die obere Kalksteinschicht auf, Wasser konnte zu den unteren Sandsteinlagen vordringen und sie langsam auswaschen. Doch diese Theorie hat einen Haken. Um etwas richtig Auszuwaschen, braucht das Auszuwaschende einen Weg auf dem es abtransportiert werden kann. Das ist wie mit einem weichgekochten Frühstückei. Hätten wir nicht einen Löffel, der uns das Eiinnere entgegenhebt, säßen wir bis heute vor dem angeklopften Ei ... Und hier kommt eine zweite Theorie ins Spiel, bei der immer noch die harten Kalksteinschichten oben und die weichen Sandsteinschichten unten sind. Vor ca. 80 bis 100 Millionen Jahren zog sich das Tethysmeer langsam zurück, und die Berge, die die heutigen Krater bilden, tauchten auf. Salzwasser griff die Kuppen der Berge von der Seite an, Wind und Wetter von oben. Damit jedoch aus den angenagten Bergen die Krater werden konnten die sie heute sind, musste sich ein Weg auftun, auf dem die aufgelösten Sandsteinschichten abtransportiert werden konnten. Der erschien vor ca. 5 Millionen Jahren in Form der Arava, eines Tales, das sich vom Süden des Toten Meeres bis zum Golf von Eilat erstreckt und in Form von Flüssen, die von Westen kommend in die Arava fliessen. Da die Arava viel tiefer und östlicher liegt als die ehemaligen Berge, löffelten nun die Flüsse die weichen Sandsteinschichten der Berge aus, während die harten Kalkschichten stehenblieben ... Eben fast so wie bei einem weichgekochten Frühstücksei.

Aber egal wie genau Salzwasser, Flüsse und Sturm die Krater geschaffen haben, das Resultat ist einfach nur spektakulär. Von oben hinuntergeschaut in die Karterlandschaft schwimmt alles in Farben, obwohl es auch jetzt im regenreichen Frühling kaum Vegetation gibt. Berge und Felsen, Schluchten und Wadis sind entblößt, und so sieht man den Dingen auf den Grund oder besser gesagt direkt aufs steinerne Herz.

Der Ramonkrater/Israel
Der Ramonkrater in all seinen Farben

Schon am ersten Tag durchlaufen wir im Großen Krater einen Wechsel von Erdzeitaltern und Ruhezeiten, Licht und Schatten, Dürre und Naß. Am Nordrand des Kraters wandern wir unter Klippen entlang, und überzeugen uns selbst davon, wie grandios Erosion sein kann.

Kalksteinschichten am Südrand des Großen Kraters/Israel
Kalksteinschichten am Südrand des Großen Kraters

Vor uns erheben sich nämlich die Kalksteinschalen der aus dem Tethysmeer aufgetauchten Berge. Der Anblick rückt die Wichtigkeit der menschlichen Existenz in die richtigen Proportionen; ich fühle mich wie ein Staubkörnchen beim Anblick des Putztuches.

Nur ein paar Fahrminuten entfernt wird es idyllisch. Es ist mittlerweile doch heiß geworden und die Yorkeam-Quelle führt zu dieser Jahreszeit reichlich Wasser. Unter den ausgehöhlten Felsen kann man im grünen Schatten sitzen, dem Murmeln des Wassers zuhören und sich in den Reflexionen der Felsen verlieren

Die Yorkeam-Quelle südlich des Großen Kraters
Die Yorkeam-Quelle südlich des Großen Kraters

Und zum Abschluss des Tages muß ich noch unbedingt einen dunkelroten Flecken sehen, der mir in der sonst eher braunen Landschaft aufgefallen ist. Der Wagen wird auf einem Feldweg abgestellt und dann geht es zu Fuß geradewegs über Stock und Stein auf die farbliche Abweichung zu. Naja, so ganz geradewegs dann doch nicht. Rechts unseres Weges sind versteinerte Bäume und was schon von weitem zauberhaft aussieht wird beim Näherkommen magisch.

Versteinerte Bäume im Großen Krater/Israel
Versteinerte Bäume im Großen Krater

Wer hätte gedacht, das Baumstämme ganz ohne Zweige und Blätter so wunderbar aussehen können. Beim Nähertreten sieht man, dass die Oberfläche der Baumriesen mal glitzert und mal glänzt, so als habe jemand sie mit Kristallstaub gepudert und dann an manchen Stellen nachpoliert.

Mein rotes Feld entpuppt sich beim Näherkommen als eine Ansammlung von Steinen in allen Rot- und Brauntönen, für die ein hoher Anteil an Eisenoxid im Fels verantwortlich ist.

Für den nächsten Tag haben wir uns eine Wanderung entlang der Zisternen Lotz‘ vogenommen. Acht Kilometer im Flussbett entlang über Stock und Stein. So richtig überzeugt bin ich, zumindest anfangs, nicht von der Route. Es sieht mir viel zu sehr nach dem üblichen Wüstenflair und viel zu wenig nach einem Gang durch die Geschichte der Erdkruste aus. Womit ich Recht habe. Aber was ich nicht weiß ist, dass dieser Weg uns lehrt, der Wüste mit Demut und Ehrerbietung zu begegnen. Der Anfang des Weges ist von uralten Wasserspeichern gesäumt.

Durch die Vergetation unverkennbar; eine Zisterne in der Wüste

Tausende von Jahren haben die Menschen der Wüste in den Flußtälern diagonale Dämme errichtet. Diagonal deshalb, weil Dämme quer zum Flussbett von den Wassermassen der Regenzeit fortgerissen worden wären. Am Ende des Dammes, am tiefsten Punkt des Flussbettes wurden Zisternen angelegt, die das Wasser aufnahmen und für die kommenden trockenen Monate sicher speicherten. Eine einfache und geniale Erfindung, die man mühelos anhand der üppigen Vegetation in der sonst kargen Landschaft erkennen kann!

Plantane auf dem Wanderweg von Lodz Zisternen/Negevwüste
Plantane auf dem Wanderweg von Lodz' Zisternen

Unter einer alten Platane machen wir Rast, und während wir unser Frühstück essen geht mir durch den Kopf, dass uralte Bäume immer Wunderwesen sind, egal wo sie sich befinden. In der Wüste aber wirken sie wie aus einer anderen Welt!

Wir wandern weiter, vorbei an den Überresten von Beduinenlagern und Terassen, auf denen Gedreide und Gemüse angebaut wurde. Verräterische Steinhügel am Wegesrand entpuppen sich als Ruinen von Grabanlagen, Silos und Wachtürmen. Als wir schließlich wieder am Parkplatz ankommen, bin ich um einiges ehrerbietiger und demütiger, und das nicht nur weil sechsstündiges Wandern bei fast sommerlichen Temperaturen dann doch irgendwie anstrengend ist.

Am letzten Tages unseres Kurzurlaubs sind wir im Ramonkrater unterwegs. Diesmal wird es keine lange Wanderung werden, sondern wir haben uns drei kleinere Touren ausgesucht. Mein Mann will Nawamis sehen, runde Steingräber der Urgeschichte, und ich Dykes, querstehende Felsen, die sich durch magmatische Akivitäten in den Spalten schon bestehender Gesteinsschichten formten. Was wir letzen Endes zu sehen bekommen ist soviel mehr. Wir sind genau zwischen Jura, Kreidezeit und Neogen, und der Krater wirft mit erdgeschichtlichen Enthüllungen um sich wie ein Karnevalswagen mit Bonbons.

Blick auf die Landschaft des Ramonkraters/Israel
Blick auf die Landschaft des Ramonkraters

Wir begegnen einem Feld aus schwarzen Tuffkügelchen eingebettet in erstarrte Lava , einem Berg, aus dem Wind und Wetter einen Krokodilpanzer geschliffen haben, Felsschichten, die wirken, als ob sie noch genauso elastisch wären wie in dem Moment, an dem sie sich verbogen ... Und natürlich sehen wir die Dykes. Majestätisch ragen sie am Wegesrand empor und anstatt einfach nur Felsfinger in einer Felswand zu sein, sind sie in kunterbunten Gesteinsschichten aufs allerschönste in Szene gesetzt.

Dykes in den Steilwänden des Ardon-Flusses Ramonkrater/Israel
Dykes in den Steilwänden des Ardon-Flusses im Ramonkrater

Die Nawamis dagegen erheben sich wie Signale auf den Kämmen der Anhöhen. Die Wüste ist übersäat von ihnen, ein untrügliches Zeichen, dass Menschen sich allen Widrigkeiten zum Trotz auch hier niedergelassen haben.

Frühgeschichtliche Steingräber auf den Kämmen des Ramonkraters/Israel
Frühgeschichtliche Steingräber auf den Kämmen des Ramonkraters

Ich muss zugeben, ich bin nicht wirklich ein Fan der Wüste. Sie ist mir immer ein bisschen zu vegetationslos, ein bisschen zu trocken, sie hat mir zu wenig Schatten und zu viel Gestein, doch die Krater der Negevwüste sind in all ihrer Vegetationslosigkeit und Trockenheit, mit viel zu vielen Steinen und zu wenig Schatten so schön, dass ich mich mit Vergnügen immer wieder in die Wüste schicken lasse.

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