Mein Senf zu Israel

Mehr als 100 Meter!

Es ist Samstag Morgen, und wäre alles ganz normal, würde die Frage lauten: „Wohin wollen wir heute fahren?“. Doch mittlerweile sind wir außer beim Einkauf von Lebens- und Arzneimitteln auf einen Radius von 100m ums Haus herum eingegrenzt. Um zu wissen, wie genau das aussieht, haben wir mal auf google maps nachgeschaut ... Wenn wir den Kreis vollends ausnutzen wollten, müssten wir über Mauern springen und durchs Gebüsch kriechen, und all das mit einer alten Hündin an der Leine.

Innerhalb dieses Kleinstradiuses sollen wir nämlich auch mit ihr Gassi gehen. Eine Anordnung, die bei unserer Hündin für Frust sorgt. Schließlich ist sie zwar altersschwach aber nicht schwachsinnig: Schon seit Tagen kommt bei jeder Gassirunde mehrmals die Haustür in Sicht, nur um dann mitsamt dem Futternapf dahinter wieder in der Ferne zu verschwinden ...

Während wir also stoisch unsere Runden um den Block drehen, zwinkert uns die nächste Straßenecke verführerisch zu, und von den Verlockungen der weiten Ferne brauche ich garnicht erst zu sprechen.

Doch irgendwann werden Samstage hoffentlich wieder so normal sein, dass die Antwort auf die Frage nach dem wohin ein angestrengtes Stirnrunzeln sein wird, gefolgt von Vorschlägen, von denen die meisten mit „Waren wir schon.“ oder „Nicht die richtige Jahreszeit.“ abgelehnt werden. Man könnte meinen, wir hätten in Israel schon alles gesehen, oder das Land ist knapp an Sehenswürdigkeiten. Letzeres ist natürlich ein Witz! Wir haben chronischen Mangel an Cailler Schokolade, Käse mit viel Geschmack, angefangen bei Schweizer Tilsiter bis zu französischem Brie de Meaux, Thüringer Rostbratwürsten, Sauerkraut ... , aber ganz bestimmt nicht an Ausflugszielen.

Für die Zeit, in der es also wieder möglich sein wird zu reisen, habe ich schon einige Orte, die auf meiner persönlichen Wiederbesuchsliste ganz oben stehen. Die meisten von ihnen liegen nicht nur abseits der Touristenrouten sondern immer noch fast vergessen im Dornröschenschlaf. Da könnte auch für die, die Israel ein zweites oder drittes Mal besuchen, etwas dabei sein.

Auf Platz Eins meiner Liste steht Migdal Zedek. Gerade mal 15 kurze Fahrminuten von meinem Wohnort entfernt, wurde der Platz, dessen Name übersetzt “Turm der Gerechtigkeit“ heißt, zu meinem ersten Zauberort in meiner neuen Heimat Israel. Der Name ist übrigens viel zu klobig! Auf einem Hügel, der den ganzen Gush Dan, also Tel Aviv und Umgebung, überblickt, sitzt die malerische Ruine einer Kreuzfahrerburg die einst viel klingender hieß: Mirabel.

Die Burgherren wurden vertrieben, doch das Gemäuer blieb stehen, und im 19. Jahrhundert baute sich die Rayyan-Familie ihren Herrensitz in die verlassenen Ruinen, komplett mit himmelblauen Wänden, sternenverzierten Gewölben und dermaßen eleganten Wandnischen, das man sofort mit Sack und Pack einziehen möchte, egal wie sehr es durch alle Löcher pfeift.

Da wir gerade bei schön dekorierten Wänden sind, eine der wenigen komplett erhaltenen Kirchen aus der Kreuzfahrerzeit befindet sich in Abu Gosh, einem der drei Plätze, die als Kandidaten für das biblische Emmaus, dem Ort der Erscheinung des auferstanden Jesus, in Frage kommen. Also bauten die Kreuzfahrer in der Mitte des Ortes eine Kirche direkt über einer Quelle, die bis heute durch die Krypta der Kirche fließt. Obwohl die Kirche nach dem Ende der lateinischen Herrschaft im Heiligen Land zum Stall umfunktioniert wurde, und Jahrhunderte sich selbst überlassen blieb, überlebten nicht nur das Gemäuer sondern auch die Malereien an den Wänden.

Die Moslems denen jede bildliche Darstellung von Mensch und Tier strikt untersagt ist, müssen von der Schönheit der Darstellungen ergriffen gewesen sein, schließlich haben sie nicht die ganzen Bilder von den Wänden geschlagen, sondern kratzten nur den Gestalten sorgfältig die Gesichter oder die Augen aus. Und so können wir bis heute unter anderem die Opferung Isaaks, Jesu Kreuzigung und die Entschlafung der Maria bewundern.

Damit ich nicht nur vom Treiben der Kreuzfahrer schreibe, habe ich als nächstes Kerem Maharal ausgewählt. Kerem Maharal liegt am Fuße des Carmelgebirges und ist Israels einziger ehemaliger Unterwasservulkan. Um das vor Ort zu erkennen, muss man ziemlich viel Fantasie mitbringen oder ständig auf den Boden schauen.

Israels Erde zeigt sich nämlich gewöhnlicherweise in allen möglichen Rottönen, nur in Kerem Mahral nicht. Dort weist das, was vom Vulkan übriggeblieben ist, das Innere des Schlotes, eine unverkennbar aschegraue Farbe auf und die Steine, bzw. die Geologie darum herum reden laut und deutlich von extremer Hitze und plötzlicher Abkühlung.

Wenn man noch eine halbe Stunde weiter an der Küste entlang nach Norden fährt, gibt es kurz vor Haifa gleich zwei wunderbar geschichtsträchtige Kurzwanderstecken, die eine entlang des Galimflusses und die andere im Wadi Siach.

Beide dauern nicht länger als zwei Stunden und führen von der Küste stetig bergauf, aber nur so leicht, dass man garantiert nicht aus der Puste kommt. Am Ende erreicht man entweder ein unterirdisches Wassersystem, das man erkunden kann, wenn man wasserfestes Schuhwerk und eine Taschenlampe dabei hat, oder man kommt zu einer kleinen Quelle eingefasst von einem Steinbecken unter schattenspendenden Bäumen. Auf dem Weg dahin gibt es 1000 Jahre alte Olivenhaine und die Ruinen der Carmeliterkirche St. Brocardus zu sehen.

Wer gern mal auf die Knie geht, aber nicht zu lang, dem sei Horbat Midras ans Herz gelegt. In der Nähe Beth Schemeschs gelegen, fahren die meisten auf dem Weg nach Beth Guvrin/Tel Marescha schurstracks daran vorbei. Dabei hat Horbat Midras ein ausgedehntes Höhlensystem zu bieten, in dem man auf allen Vieren den Zeiten des Bar Kochba Aufstandes, als sich jüdische Rebellen vor der römischen Armee dort versteckten, nachspüren kann.

Und nachdem man sich wieder in eine aufrechte Körperhaltung begeben hat, sieht man auf einem Rundweg eine der besterhaltensten Felsgrabanlagen aus der Zeit des zweiten Tempels, die Ruinen einer byzantinischen Kirche und dazu Pyramiden, zwar nicht so schön wie in Ägypten, aber auf jeden Fall geheimnisvoller, denn bis heute sind sich die Forscher darüber uneinig, wofür sie erbaut wurden.

In Beth Schean sind einige während ihres Israelbesuches schon gewesen, aber wahrscheinlich nicht dort, wo ich war! Man kann nämlich auch außerhalb des Naturparks, am Harod-Fluss entlanglaufen. Mal abgesehen davon, dass es immer schön ist, an einem warmen Frühlingstag vom Murmeln eines Flusses und dem Surren der Libellen begleitet zu werden, kann man, kurz nach dem man den Tel passiert hat, den Fluss überqueren und an der Nordflanke des Flusstales hinaufsteigen.

Einmal oben angekommen, erkennt man, dass man am Ende einer Prachtstraße steht, die Besucher trockenen Fußes über den Fluß und an der Ostseite des Tels entlang mitten in die Stadt hinein geführt hätte ... Wenn die Brücke noch da wäre! Doch von ihr sind nur noch gigantische Ruinen übrig.

Und zum Schluß, da ich in einem Mittelmeerland lebe, auch noch ein wenig Meer. Zwar sind Tel Avivs Strände das Naheliegende, wenn man am Meer entspannen will, aber einer der schönsten Strände, der von Dor-HaBonim, liegt nördlich von Caesarea.

Auf einer Strecke von wenigen Kilometern gibt es wunderbare Felsformationen zu sehen, die sich an manchen Stellen weit ins Meer hineinschieben, eine Lagune in der man auch zur Quallenzeit unbekümmert baden kann und die “blaue Höhle“, in der das Meerwasser mit Ebbe und Flut sinkt und steigt und jedes Mal eine andere Blauschattierung zeigt.

Es könnte so weitergehen. Es gibt soviel hier zu sehen, dass man damit bequem mehrere Monate füllen könnte, aber wer hat schon soviel Urlaub?

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