Mein Senf zu Israel

Wie man sich anzieht, so glaubt man.

Einmal in Israel, ist eine der häufigsten Fragen die gestellt werden die, warum praktizierende Juden so aussehen, wie sie aussehen. Da baumeln kompliziert geknotete Fäden und wippen kunstvoll eingedrehte Locken. Die einen eilen in fast schon schicken Jackets vorbei, die anderen in altertümlichen Kaftanen. Auf dem Kopf tragen sie Hüte und Pelzmützen. Beim Beten schwanken sie vor und zurück, während vor der Stirn und am Bizeps schwarze Kästchen sitzen. Sovieles am Aussehen der gläubigen Juden ist uns unerklärlich und fremd. Versuchen wir also ein wenig Ordnung im Wirrwarr zu machen ...

Drei der Attribute, die das Aussehen der gläubigen Juden bestimmen, stammen aus dem alten Testament:

Da wären zuallererst die Schläfenlocken (Pejes). In der Bibel steht in 3 Moses 19,27, dass man die Seiten des Haupthaares nicht abnehmen soll. Die “Seiten“ werden dabei als die Stelle zwischen Schläfen und Ohren interpretiert, und wenn der ganze Kopf kurzgeschoren wird, wie das bei den gläubigen Juden der Fall ist, bleiben diese vom Rasierapparat unangetastet. Wie lange, das entscheidet die Zugehörigkeit zu einer der Strömungen im Judentum. Während sich bei den konservativen und orthodoxen Juden die Schläfenlocken von normalen Koteletten nicht unterscheiden und aller paar Tage gestutzt werden, baumeln bei den ultraorthodoxen Juden die Pejes oft bis weit über die Schultern und haben noch nie ein Rasiermesser gesehen. Manche sind sorgfältig zu Schillerlocken eingedreht, andere hängen lustlos herunter, und bei den Dritten sehen sie fast schon aus wie Dreadlocks.

Das zweite aus der Bibel stammende Merkmal ist ein Kleidungsstück, der Gebetsschal (Talit), von dem es eine große und eine kleine Version gibt. Unübersehbar hängen bei bekennenden Juden unter T-Shirt, Hemd oder Poloshirt lange weiße Schnüre hervor, die man Schaufäden (Tzizit) nennt. Sie gehen auf das biblische Gebot (4. Buch Moses 15,38) zurück, sich Quasten an die Zipfel der Kleider zu machen. Da heute kaum noch jemand Zipfel an seinen Kleidern hat, die Erfüllung dieses Gebotes aber verbindlich ist, wurde der kleine Talit eingeführt. Er ist ein länglich rechteckiges Stofftuch an dessen vier Ecken die Schaufäden befestigt sind. In der Mitte des Stofftuches befindet sich ein Loch, dass man über den Kopf zieht. Vorn und hinten hängen nun die Stoffbahnen und an deren Ecken, zwei vorn zwei hinten, die Schaufäden. Den kleinen Talit zieht man an, wenn man aufsteht und legt ihn erst wieder ab, wenn man ins Bett geht. Den großen Talit dagegen trägt man während des Gebetes und hüllt sich in ihn ein, um sich von der profanen Umwelt abzusondern. Er sieht aus wie der kleine Talit, nur hat er die Größe eines Umschlagtuches und ist meist in weißer oder hellbeiger Farbe gehalten und mit blauen oder schwarzen Streifen verziert.

Als letztes wären da die Gebetsriemen (Tefilin). Auch sie trägt man so wie den großen Talit nur während des Gebetes. Im 5. Buch Moses 6,8 steht: „Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein.“ Mit “sie“ sind die Ermahnungen gemeint, die Gott den Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste mitgibt. Die Anweisungen des achten Verses haben die Juden dabei wortwörtlich genommen, die Mahnworte Gottes auf kleine Gebetsrollen geschrieben und sie im Inneren von Lederkästchen verborgen, die mit Hilfe von Lederriemen an Arm und Kopf befestigt werden.

All diese Attribute dienen dazu, die Juden dran zu erinnern, dass sie sich in Gottes Obhut befinden und seine Gebote befolgen sollen. Übrigens, das wohl jüdischste aller jüdischen Kennzeichen, die Kippa, kommt nicht aus der Bibel, sondern ist viel später in der Neuzeit, als Zeichen der Gottesfürchtigkeit und Unterscheidung von den Nichtjuden zur jüdischen Tracht dazugekommen.

Alle anderen äußerlichen Merkmale die man an praktizierenden Juden sehen kann, die verschiedenen Hemden, Hosen, Mäntel und Hüte, sind durch Brauch und Tradition entstanden und zeigen die Zugehörigkeit zu bestimmten Untergruppen der verschiedenen Strömungen. Obwohl es sich dabei um Äußerlichkeiten handelt, ist es wichtig durch die Kleidung zu zeigen, dass der gläubige Jude nicht der Eitelkeit frönt. Der Mann hat es in dieser Hinsicht besonders leicht. Außer schwarz und weiß finden sich oft keine anderen Farben in seinem Kleiderschrank, und das morgendliche Ritual der Kleiderwahl wird zum blinden Griff nach dem obersten Hemd und der obersten Hose auf dem Stapel. Ob darüber ein knielanger Mantel kommt, ein Kaftan oder ein Jacket richtet sich danach ob die Juden orthodox oder ultraorthodox, chassidisch oder Haredim sind.

Aber was bedeuten “ultraorthodox“ und “orthodox“ eigentlich?

Sowohl die ultraorthodoxe als auch die orthodoxe Stömung des Judentums befolgt streng die biblischen Gebote und deren nachfolgende Auslegungen durch die jüdischen Weisen (Halacha). Doch damit endet die Gemeinsamkeit. Während die ultraorthodoxen Juden sich von ihrer Umwelt abschotten und die Moderne ablehnen, das Studium der heiligen Bücher in einer Thoraschule (Jeschiwa) als ihre oberste Pflicht ansehen, dem Staat Israel die Existenberechtigung absprechen und keinen Wehrdienst leisten, passen sich die orthodoxen Juden, soweit es die Gesetze der Religion zulassen, dem modernen Leben an, studieren Jura und Medizin an staatlichen Universitäten, akzeptieren den Staat Israel und leisten oft auch Militärdienst.

Äußerlich kann man das daran erkennen, dass ultraorthodoxe Männer in ihren Kaftanen, mit Kniebundhosen und Pelzmützen oder langen, schwarzen Mänteln und schwarzen Hüten oft altertümlich wirken. Orthodoxe Männer dagegen tragen oft nur schwarze Hosen zu einem hellen Hemd, T-Shirt oder Polohemd. Diejenigen, die über einem weißen Hemd noch ein schwarzes Jacket tragen sehen denjenigen der moderner gekleideten ultraorthodoxen Juden zum Verwechseln ähnlich.

Während man bei den Männern manchmal also ganz schön überlegen muss, zu welcher Strömung sie nun gehören, ist es bei den Frauen etwas einfacher. Generell gilt, dass die Kleidung der Frauen züchtig und bescheiden sein soll. Schlüsselbeine, Ellenbogen und Knie müssen bedeckt werden. Die Farben und Muster sollten dezent gehalten sein. Wie die Frauen diese Angaben umsetzen, hängt nun davon ab, wie gläubig sie sind, streng orthodox oder liberal. Dabei geht die Spannbreite von schwarzer oder grauer Kleidung bestehend aus formlosen Oberteilen, weiten, bis zu den Knöcheln reichenden Röcken, blickdichten Strümpfen und flachen, geschlossen Schuhen bis hin zu eng sitzenden Oberteilen in frischen Farben, figurbetonten Röcken die nur knapp die Knie bedecken und offenen Schuhen mit Absatz.

Mit was die Frauen ab ihrer Hochzeit ihr Haar verhüllen ist ebenso eine Sache der Zugehörigkeit. Die ultraorthodoxen Frauen tragen eine Perücke, Haarnetz oder ein dunkles, im Nacken geknotetes Kopftuch, wohingegen bei den orthodoxen Jüdinnen zur Zeit rafiniert geschlungene Tücher und hochgetürmte Turbane aus glänzenden und bunt bedruckten Stoffen in Mode sind.

Wenn Sie beim nächsten Besuch Jerusalems aufmerksam hinschauen, können Sie die kleinen und großen Unterschiede mühelos erkennen.

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