Mein Senf zu Israel

Mein Schrein, der hat null Ecken

Zahlen sagt man magische Kräfte und Heiligkeit zu. Sie sind von Legenden umgeben und in Märchen eingebettet. Denken wir doch mal an die zwölf israelitischen Stämme, die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen, oder die Brüdertrios die durch sämtliche europäischen Märchen geistern, angefangen beim deutschen “Tischlein deck dich“, bis hin zu den Norwegern Peer, Paul und Espen Askeladden. Aber wussten Sie, dass so manche Zahlen es in sich haben? Auch wenn sie nicht in Märchen vorkommen? Im wahrsten Sinne des Wortes! Die Acht zum Beispiel und die Null. Naja ... Zumindest bei der Null würde es ohnehin schwer werden, sie in ein Märchen einzubauen: „Nachdem der Wolf null Ziegen gefressen hatte, war er so satt, dass er sich nicht mehr rühren konnte.“ oder „Schneewittchen wohnte bei null Zwergen ...“ Aber ich schweife ab. Zurück also zur wahren Geschichte von Acht und Null, und die geht so:

Als Konstantin der Große und seine Mutter Helena im frühen 4. Jahrhundert u. Z. aus der entlegenen römischen Provinz Palästina den Nabel der christlichen Welt machten, bauten sie auch an den bedeutensten Orten Jesu Lebens Kirchen: zwei in Jerusalem und eine in Bethlehem. Eine vierte bauten sie an einem alttestamentlichen Schauplatz, in Hebron an der Mamreeiche, genau dort, wo Abraham die drei Engel getroffen hatte, die ihm die Geburt Isaaks voraussagten.

Die Kirchen waren so wie Kirchen sein sollten, prächtig, erhaben, großartig, aber die eigentliche Attraktion war ein Schrein, der jeder Kirche zur Seite stand. Und hier kommen die Acht und die Null ins Spiel. Alle diese Schreine waren entweder oktagonale (achteckige) oder runde (nulleckige 😊) Zentralbauten, die den Besucher direkt zum Kern der Sache führten. Betrat man sie, dann befand man sich nämlich nicht vor einer geschnitzten, gemalten, gemeiselten Darstellung eines wundersamen Ereignisses, sondern am tatsächlichen Schauplatz.

In Jerusalem wurden das Felsgrab, in dem Jesus bestattet wurde, und die Spitze des Ölberges, von dem aus er zum Himmel aufstieg, mit Schreinen umgeben, in Bethlehem die Grotte, in der er geboren wurde. In Hebron an der Mamreeiche jedoch kamen die Architekten ins Schwitzen. Der uralte Baum war zu sperrig, um ihn mit einer Kapelle von überschaubaren Dimensionen zu überbauen.

Also errichtete man einen großen Hof, der den Baum umschloss und nur noch den Initiierten, nämlich den Christen, Zugang gewährte. Sehr zum Wohlgefallen von Konstantins Schwieger-mutter Euthropia, die sich schon seit Jahren bitterlich darüber beschwerte, dass sich unterm heiligen Blätterwerk zuviel heidnisches Gesindel herumtrieb.

Konstantins Nachfolger behielten die Sitte heilige Plätze mit runden oder achteckigen Gebäuden zu markieren bei.

Und hier kommt eine weitere, aber nur pseudo-magische Zahl ins Spiel: die Fünf. Im Laufe des fünften Jahrhunderts errichteten sie fünf weitere solcher Schreine: über dem Ort der ersten Wehe Marias an der Straße von Jerusalem nach Bethlehem, einen über dem Wohnhaus Petrus’ in Kapernaum und einen in Caesarea. Worüber genau weiß man nicht. Vielleicht über dem Haus von Cornelius, dem ersten nicht-jüdischen Konvertiten zum Christentum. Auch zu den Schreinen auf dem Stadthügel von Beth Schean und auf dem Berg Gerizim schweigen sich die Quellen aus.

Man weiß nur, dass die Kirche auf dem Berg Gerizim Maria geweiht war. In Beth Schean dagegen ist nicht nur die Kunde davon, wem zu Ehren der Schrein einstmals gebaut wurde, sondern auch der ganze Rundbau vom Erdboden verschwunden. Ungünstigerweise war seine Ruine den Archäologen im Weg, als sie nach den Überresten der bronze- und eisenzeitlichen Siedlung suchten, und so wurde sie kurzerhand abgerissen.

Alle anderen Heiligtümer stehen noch. Mehr oder weniger. Entweder viel beachtet oder fast vergessen. Auf dem Ölberg ist der urprüngliche große Rundbau der kleinen, achteckigen Himmelfahrtskapelle aus der Kreuzfahrerzeit gewichen. Die Rotunda um das Jesusgrab hat heute noch dieselben Dimensionen wie vor über 1600 Jahren, während sich in Bethlehem über der Geburtsgrotte statt des oktagonalen Schreines aus der Zeit Konstantins der Altarraum der Geburtskirche aus justinianischer Zeit erhebt. Auf dem Berg Gerizim stehen zwar nur noch die Grundmauern des achteckigen Heiligtums, aber man erkennt sie auf den ersten Blick. Genauso wie die Überreste des oktagonalen Baus in Kapernaum, den man im Zentrum der modernen Peterskirche unter dem Glasfußboden bewundern kann.

Den Ort der ersten Wehe Marias und den Schrein in Caesarea dagegen muss man schon etwas länger suchen. Wer auf der Straße 60 Richtung Bethlehem fährt und hinter der Jerusalemer Stadtgrenze aufmerksam nach links schaut, kann im Gras die Überreste der ältesten Maria geweihten Kirche entdecken. Und in Caesarea muss man auf den, dem Hafen gegenüberliegenden, kleinen Berg steigen um dort die Überreste der Grundmauern des achteckigen Zentralbaus zu sehen.

Leider ist der größte Teil des achteckigen Heiligtums unter den Mauern der Nachfolgebauten verschwunden, aber dafür entschädigt der weite Blick über die antike Hafenanlage.

Die Christen waren übrigens nicht die Ersten, Letzten oder Einzigen, die der Anziehungskraft achteckiger oder runder Bauten verfielen. Das Grabmausoleum von Kaiser Diokletian in Split ist achteckig. Das Grabmonument Kaiser Hadrian’s in Rom, die heutige Engelsburg, ist rund. Und heute reicht die Länderliste der achteckigen Bauten von A bis Z, wenn man mit New Zealand mogelt. Addiert man dazu noch all die runden Gebäude, gibt es wohl keinen Ort auf der Welt der kein rundes Bauwerk aufzuweisen hat, und sei es auch nur ein Gedreidesilo ... von Aalen bis Zalaegerszeg (Sie mögen es nicht glauben, aber ich kenne diese Stadt in Ungarn tatsächlich persönlich!).

Bei all den acht- oder nulleckigen Bauten die heute die Welt überschwemmen, gebührt die Ehre die Ersten gewesen zu sein, die die Schauplätze religiöser Ereignisse mit solchen Zentralbauten schmückten, den Christen. Und die Moslems machten es ihnen bis fast auf dem Meter genau nach: Über dem Fels von dem aus Mohammed in den Himmel aufstieg, wurde Ende des siebten Jahrhunderts ein oktagonaler Zentralbau errichtet, der dem Marienheiligtum an der Straße nach Bethlehem in seinen Dimensionen täuschend ähnlich ist: der Felsendom. Es kann durchaus sein, dass für dessen Bau ein Architekt engagiert wurde, der sich mit achteckigen Gebäuden bestens auskannte ... Aber psst, nicht verraten das beim Bau des drittheiligsten Ort des Islam vielleicht Christen ihre Finger mit im Spiel hatten!

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