Mein Senf zu Israel

Florentin - das Schlaraffenviertel

Ich habe mich verliebt! Ganz einfach und ganz schnell.

Ins Tel Aviver Florentinviertel!

Die Liebe ist jung, und wir müssen uns erst noch besser kennenlernen, aber ich bin mir sicher, dass wir eine glänzende Zukunft vor uns haben. Wir werden uns viel Zeit füreinander nehmen und wann immer es geht zusammen sein ...

Wie, Sie haben noch nie etwas vom Florentinviertel gehört?

Eigentlich kein Wunder! Oft bleibt bei einem viel zu kurzen Besuch in Tel Aviv und Jaffa keine Zeit für mehr als die klassischen Sehenswürdigkeiten, und an denen entlang umkurvt man das Florentinviertel großzügig und läßt es regelmäßig links liegen. Nur einheimische Kochbegeisterte, Nachschubs- und Vorratskäufer, Gourmets und Gruppen die eine Extratour verlangen, beziehungsweise eine Extrawurst gebraten bekommen, finden in die wuseligen Straßen und taumeln freudestrahlend von Attraktion zu Attraktion. Nicht nur das Auge feiert, sondern auch der Gaumen, und Inspirationen für die nächste Kochsession, DIY-Mission oder Neudekorations-Attacke findet man haufenweise.

Aber bevor ich komplett ins Schwärmen gerate, hier erstmal die nackten Tatsachen:

Der Baugrund südlich von Achusat Bayit (dem Kern Tel Avivs) und Neve Zedek wurde schon in den 1920er Jahren von Juden aus Thessaloniki erworben, doch gebaut werden durfte erst nach 1933. Ein Blick auf den heutigen Stadtplan von Tel Aviv zeigt, dass in den Dreißigern das Bauland in der jungen jüdischen Metropole knapp wurde. Während der fünften Aliya wanderten allein zwischen 1933 und 1936 über 170000 Juden nach Palästina ein, von denen sich viele in Tel Aviv niederliessen und mit Leichtigkeit die 100000-Einwohner-Marke knackten.

Das hatte Auswirkungen. Wohnungen mussten her, so viele wie möglich, so schnell wie möglich und während sich im 1909 erbauten Achusat Bayit noch geräumige Straßenzüge räkeln, drängelt sich im Florentin eine Straße an die andere, ein Haus an das nächste.

Was zuerst auffällt, wenn man durch das Viertel schlendert, ist die Reichhaltigkeit.

Es gibt alles, und davon nicht nur zehn oder zig Varianten sondern hundert und mehr. Egal ob Häuser im Bauhaus oder eklektischem Stil, Regenschirme, Strümpfe, Weihnachts- oder Faschingsbedarf, Spielzeug, Bettwäsche, Küchenzubehör, Hüte für orthodoxe Jüdinnen ... der ahnunglose Käufer schwebt in Gefahr einen Ohnmachtsanfall zu erleiden, wenn er nicht genau weiß was er will, bevor er einen Laden betritt.

Beim Kulinarischen sieht es da schon wieder ganz anders aus. Da läuft man eher Gefahr vor lauter Glückseligkeit einen Herzinfarkt zu bekommen. Unbekanntes, Rares, Hausgemachtes und von weither Gebrachtes warten darauf verarbeitet, gekocht, oder einfach nur geteilt und gegessen zu werden.

Schon allein auf der Levinskistraße dem verkehrstechnischen und kommerziellen Rückgrat des Viertels kann man sich sattlaufen: Im “Kesem Hahalva“ bekommt man, wie es der Name schon sagt, Halva (mit Honig gesüßte Sesampaste), und zwar nicht irgendwelches, sondern das beste, das aus Nablus.

In allen Geschmacksrichtungen kann man es haben, mit Kakao, Kaffee, Erdnüssen, Pistazien ... Und wenn man ganz nach hinten an die Theke geht, warten dort geduldig die leckersten Mandelplätzchen Tel Avivs, nach original persischem Rezept.

Im “Tavlinski“ gibt es alles was an Bäumen, Sträuchern und Stengeln wächst, in Trockenform. Damit meine ich Früchte und Gemüse, angefangen bei getrockneter Ananas über Maulbeeren und Physalis bis hin zur Zwetschgen, dazu Chips aus Möhren, Sellerie, Süßkartoffeln, und im Regal hinter der Kasse tummeln sich Gewürzmischungen zu allem was man kochen, backen, braten kann.

Für den schnellen Hunger bieten das “Gargir Hasahav“ Humus und Falafel, das “Gourmet Sabazi“ persische Küche, soll heißen Reis/Linsen- und Fleischgerichte, und das “Sander“ osteuropäische Gerichte wie Eisbein und Gulasch an.

Wer gern Slalom läuft, der kann einen Schlenker nach Norden in die Zebulunstraße machen. Dort warten im "Beerbazaar" hundert israelische Biere darauf verkostet zu werden. Natürlich nicht alle auf einmal!

Der nächste Schlenker, diesmal in die andere Richtung, von der Levinski aus nach Süden, bringt Sie zur Konditorei Albert in der Matalonstraße.

Der Name läßt zwar eher an französische Backwaren denken, doch die Bäckerei ist ein Überbleibsel aus der Anfangszeit als die Thessaloniker Juden die Atmosphäre des Viertels bestimmten. Und ganz unfranzösisch bekommt man hier neben Mohn- und Schokoladenrollen, traditionelle Borekas gefüllt mit Schafskäse oder Spinat.

Zurück auf der Levinskistraße ist der Feinkostladen „Yom Tov“ genauso eine Institution. Schon in der dritten Generation wird er von derselben Familie geführt und verkauft nicht nur ausgezeichnete Käse- und Olivensorten sondern auch gefüllte Weinblätter, die der 90-jährige Großvater immer noch selbst dreht ...

Bei all der Liebe und der Auswahl und dem Überfluß kann man schnell vergessen, dass es im Florentin doch etwas gibt, was Mangelware ist: Bäume.

Aber jetzt mal ehrlich, wer ist schon perfekt?

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