Mein Senf zu Israel

Tel Aviv - von Sünden und Bauwerken

Es ist immer noch Sommer und immer noch zu heiß in Israel. Also gehen wir doch einfach ans Meer! Genauer gesagt nach Tel Aviv ans Meer! Nicht dass wir auf dem israelischen Badestrandsand die Handtücher ausbreiten und uns dann ins kühle Nass stürzen würden, wir biegen stattdessen schnurstracks landeinwärts in die kurze, schrille, Geschichte Tel Avivs. Kurz, denn Tel Aviv ist blutjung im Vergleich zu anderen Städten wie Jerusalem,

Akko, oder das nahegelegene Jaffa. Gerade mal ein wenig mehr als 100 Jahre hat Tel Aviv auf dem Buckel. Für andere Städte viel zu wenig, um aus sich was zu machen, doch Tel Aviv hat es geschafft, innerhalb eines reichlichen Jahrhunderts Macken und Patina zu entwickeln wie die Methusalems unter den Städten. Und schrill ist die Tel Aviver Geschichte nicht wegen irgendwelcher berühmter Herrscher, die hier ihre Throne aufgestellt haben, oder weil die Generäle mächtiger Armeen erst dann ruhig schlafen konnten, als sie Tel Aviv erobert hatten, sondern weil Tel Aviv sich aus sich selbst heraus erfunden hat.

Tel Aviv ist „kucku - verrückt“, die beispielhafteste und untypischste Stadt Israels zugleich.

Und das fängt schon mit der Gründung der Stadt an. Tief in der Südlevante tun sich im Jahr 1906 europäische Juden zusammen, die nordöstlich von Jaffa eine moderne Siedlung nach dem Vorbild der jüdischen Agrardörfer, die wiederum von den deutschen Templerkolonien in Palästina inspiriert wurden, schaffen wollen. 1909 ist es dann soweit. In den Dünen des Mittelmeeres wird Achusat Bajit gebaut, das nur ein Jahr später in Tel Aviv umbenannt wird. Sechs Straßen rechtwinkling zueinander angelegt, dazwischen regelmäßíge Grundstücke mit ein- bis zweigeschossigen Häusern mit fließend Wasser in Bad und Küche. Am Ende der Herzlstraße, dort wo sich heute der Meir Shalom Turm erhebt, entsteht das Herzlgymnasium, das erste Gymnasium, in dem auf Ivrith unterrichtet wird. Für eine unabhängige Wasserversorgung sorgt ein Brunnen am Ende des Rothschildboulevards, und während man in anderen Städten im Dunklen nach Hause stolpert, werden die Tel Aviver Straßen durch Gaslampen beleuchtet.

Soweit sogut ... Womit die Gründerväter nicht rechneten, war der Einfluss des Orients. Fragen sie Meir Dizengoff! Der war von 1921 bis 1936 erster Bürgermeister Tel Avivs, und wenn irgendetwas sein Blut so richtig in Wallung brachte, dann die Vorstellung seine Stadt könnte zu orientalisch werden. Schlugen die Tel Aviver Bürger mal wieder über die Stränge, warnte Dizengoff sie, dass sie doch nicht wollen, dass ihre Stadt levantinisch wurde ...

Doch es half alles nichts! In den Hinterhöfen wurden Kühe, Esel und Maultiere gehalten, Kamele transportierten ganz genau so wie in der Wüste schaukelnd Baumaterial vom Strand zu den Baustellen, und durch die Straßen zogen unbekümmert arabische Hirten mit ihren Schaf- und Ziegenherden. Manchmal war der Lärm der Stadt so unerträglich laut, dass, wie Dizengroff stöhnte „keinerlei intelektuelle Disskusion möglich war.“

Was mit, architektonisch gesehen, bescheidenen Häusern anfing, trieb mit der Ankunft des ekklektischen Stils und des sich hartnäckig haltenden Gründerzeit- und Jugendstils wundersame Blüten. Die einfachen Häuser der Anfangsjahre wurden abgelöst von einem, manchmal Schwindel erregenden, Mix aus maurischen, neo-klassischen, byzantinischen, persischen, venezianisch-gothischen Stilelementen. Je nachdem, wonach es dem Bauherren gelüstete, wurden an fernöstlichen Pagoden oder an nordafrikanische Haremspaläste erinnernde Residenzen gebaut.

Und dann kam der Bauhausstil. Die Machtergreifung der Nazis verursachte die fünfte jüdische Aliyah (Einwanderungswelle) nach Palästina, in deren Zuge viele europäische Juden, darunter so mancher Architekt, ins Land kamen bzw. zurückkehrten. Innerhalb von nicht einmal zehn Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl, ein Zustand, der schnelles Bauen erforderte. Und hier war Tel Aviv der ideale Ort. Die Stadt konnte sich unbekümmert nach Norden ausdehnen, und ganze Straßenzüge und Wohnflächen mussten in diesen neuen Vierteln gestaltet werden. Eine Möglichkeit, die die Architekten beim Schopfe ergriffen. Einige von ihnen hatten an der an der TU Dresden, an der TH in München oder in Berlin studiert, waren Mitglieder des Deutschen Werkbundes gewesen und brachten im Koffer die Prinzipien des Neuen Bauens mit.

Es entstanden Häuser, die sich an die spezifischen, klimatischen Verhältnisse in der Südlevante anpassten, den Internationalen Stil enthusiastisch anwendeten, jedoch nicht revolutionierten. Von Mendelson wurden die ausschwingenden aufgeglasten Treppenhäuser, halbkreisförmigen Balkone und Verandateile kopiert. Bei Corbusier bediente man sich der Fensterbänder, Bris de Soleil und Pilotis. Viele der Tel Aviver Häuser lassen die Stadt „schwimmen“, sie zeigen schiffsartige Baukörper, Balkone die wie Kommandobrücken wirken, relingartige Balkongeländer und Bullaugenfenster in Hülle und Fülle.

In jeder europäischen Stadt hätte der Bauhausstil mit seiner klaren Geometrie und den eindringlichen Formen von unverstellten Fassaden profitiert, doch in Tel Aviv tauchten ungeahnte Probleme auf, die Dizengoff verzweifeln ließen: „Manchmal hängen Hausfrauen ihre Unterwäsche zum Trockenen auf die Balkone die zur Straße hinausgehen, und dann sieht das Haus wirklich aus wie ein Gebäude in irgendeiner schäbigen Stadt, in der niemand sich um Schönheit, Geschmack oder Sauberkeit schert.“

Dabei hätte Dizengoff leicht über die südländische Lottrigkeit hinwegsehen können, wenn er sich einige, (übertrieben) westliche Züge Tel Avivs vor Augen geführt hätte. In Tel Aviv konnte man nämlich das Unerhörte sehen: Frauen, die nicht nur bei der Leibesertüchtigung kurze Hosen trugen sondern immer und überall. Damit waren sie in guter Gesellschaft! Nur zu viele junge Leute spazierten in ihren Badesachen direkt vom Strand in die Stadt. Während die moderne westliche Frau dem Laster des Rauchens excessiv aber verstohlen fröhnte, rauchten die Jüdinnen ungeniert auf der Straße Kette. Anstatt einen Rotlichtbezirk zu haben, lebte die halbe Stadt in freier Liebe. So manches Paar benahm sich laut des Tel Aviver Polizeichefs unzüchtig in der Öffentlichkeit, und junge Männer die ledig bleiben wollten, wurden ausdrücklich davor gewarnt den Tel Aviver Strand zu besuchen. Zu verlockend waren die jüdischen Schönheiten die sich dort leicht bekleidet im Sand räkelten ... Das hätte es in keiner orientalischen Stadt gegeben!

Auch heute kann man die innige Umarmung von Orient und Occident an vielen Ecken Tel Avivs entdecken und in der Atmosphäre spüren. Unzählige Architekturanklänge an den Orient lehnen sich vertrauenselig an Bauhausnachbarn. Die Stadt ist lauter, bunter, unverschämter als irgendeine andere Metropole der westlichen Welt, doch wie eine moderne, liberale Stadt nimmt Tel Aviv alle an; die verschiedensten Religionen, Herkünfte, Meinungen.

Und wo ist es nun besonders schön in Tel Aviv?

Wem es die Architektur angetan hat, dem seien die Straßen Achat Ha’am, Rambam, Nachmani, Nahalat Binyamin und Montefiori empfohlen, auf der sich einige der schönsten Exemplare des ekklektischen und des Bauhausstils finden. Eine kleine Ausstellung über die Anfänge Tel Avivs mit unzähligen Bildern, einem Model Achusat Bajits und maßstabsgerechten Nachbauten einiger der bedeutensten, frühen Bauten ist im Erdgeschoß und im zweiten Stockwerk des Meir Shalom Turmes zu besichtigen.

Wer einfach nur die Atmosphäre der Stadt aufnehmen möchte, der tut gut daran, den Rothschildboulevard, die Herzlstraße, den Nahalat-Binyamin-Markt, die Schenkinstraße, den Carmelmarkt und das Gassengewirr mit unzähligen Boutiquen südöstlich davon zu besuchen.

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