Mein Senf zu Israel

Ode an ein Tal

Ganz im Norden Israels zwischen den Naftalibergen im Westen und dem Golan im Osten liegt das Hulatal.

Schon allein der Name klingt so schön wie ein hawaianischer Volkstanz, ganz abgesehen von all den handfesten Lieblichkeiten, die das Tal zu bieten hat. Kein Wunder also, dass ich dem Ort beim ersten Besuch hoffnunglos verfallen bin. Ich würde viel öfter kommen, wenn es nicht so weit weg wäre. Zwei und eine Viertelstunde dauert die Fahrt, vorrausgesetzt, es gibt keine Staus. Doch wenn man dann endlich angekommen ist, findet man dort wirklich alles was das (Ornithologen-Naturliebhaber-Archäologen-Historiker-Bibelforscher)Herz begehrt, außer vielleicht ein Fußballstadion das 20000 Besucher fasst, eine Autowerkstatt die Maserati-Ersatzteile führt oder einen Laden mit Birkin-Handtaschen.

Vor lauter Hingerissensein weiß ich garnicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht am besten mit dem Anfang?

Das Hulatal ist meine erste wirkliche Heimatadresse hier im Lande geworden.

Durchgeweicht von der Schwüle meines dritten israelischen Küstensommers und konstant missmutig wegen der vertrockneten Landschaft, begrüßte mich das Tal in Grünblau, durchwoben von den Flüssen, die zum Jordan zusammenfließen, baumüberschatteten Ecken und sprudelnden Quellen. Und über allem lag ein Flair, das sich anfühlte wie ein kühler Sommermorgenwind in Deutschland und Gewürzschleier eines orientalischen Basars zusammen in einen Mixbecher geworfen, dazu noch ein paar Kreuzfahrerburgen und biblische Stadthügel, und fertig war mein Zaubertrank.

Die Zugvögel sind davon genauso berauscht wie ich, und lassen sich jedes Jahr auf ihrer Reise in den Norden oder Süden am Agmon Hahula nieder. Dort gibt es Wasser und reichlich Nahrung, und wer im März oder November kommt, der kann unter anderem Schwärmen von Pelikanen, Kranichen, Störchen und Reihern bei der Einkehr zuschauen.

Im Gegensatz zu soviel Geflatter ist die nächste Attraktion ausgesprochen statisch, aber ganz bestimmt nicht weniger herzerwärmend. Sie befindet sich in Hurschat Tal, einer der magischsten Ecken des Landes, obwohl der Ort Nationalpark, Campingplatz und öffentliches Freibad in einem ist. Im Park führt mich mein Weg schnurstracks zu den alten Valonea-Eichen. Nicht irgendwelchen Valonea-Eichen, sondern den Schönsten die Israel zu bieten hat, so dick und knorrig, dass man sich sicher ist, mindestens sechs Hexen und sieben Kobolde wären in jeden einzelnen Baum eingewachsen.

Die Broschüre des Parks sagt zwar, dass Untersuchungen an einem der Bäume ergaben, dass er circa 350 Jahre alt ist, aber das glaube ich nicht! Gefühlt haben diese Greise mindestens doppelt soviele Jahre auf dem Holz, und wenn man einer moslemischen Überlieferung Glauben schenken darf, dann noch mehr. Weggefährten des Propheten Mohammed sollen die Bäume gepflanzt haben, indem sie ihre Wanderstöcke in die Erde stießen, aus denen Bäume wuchsen, in derem Schatten sie rasten konnten.

Nachdem ich mich aus der Baumumarmung gelöst habe und wieder ins Auto gestiegen bin, geht es eine gewundene Straße hinauf nach Banias. Der heiligste Platz dort ist die Quellhöhle des Banias-Flusses. Heute ist sie trocken, weil ein Erdbeben den ursprünglichen Quellenaustritt verschüttet hat, aber die besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn Wasser endlich seinen Weg aus dem Untergrund ans Licht findet, kann man immer noch spüren. Und zum Beweis sind in und neben der Höhle zahlreiche Überreste von Altären, Tempeln und sogar einer Kirche. Entlang des Flusses kann man ganz wunderbar wandern und läuft dabei unter einer Brücke aus der Römerzeit hindurch, kommt zu einer osmanischen Wassermühle, und wenn man dann ganz verschwitzt von der Hitze des Tages am Endpunkt angelangt ist, wird man vom feinen Wassernebel der Baniaswasserfälle gekühlt.

Wer den Überblick behalten und einen schönen Ausblick genießen will, der fährt die gewundene Straße auf der man nach Banias kommt gefühlte 69 Kurven weiter nach oben und gelangt zur Burg Nimrod. Nur Architekturversierte können sehen, dass die Burg nicht von den Kreuzfahrern gebaut wurde, sondern von den Moslems. Die Ähnlichkeiten zu den Kreuzfahrerburgen des nahen Ostens sind frapierend; von der Befestigungsanlage und den Bogenfenstern bis hin zu den Buckelquadern, die selbst die Staufer nicht besser hinbekommen hätten. Stutzig wird man jedoch, wenn man feststellt, dass die Burg in keinem kreuzfahrerzeitlichen Dokument erwähnt wird, und die Inschriften in der Burg nicht in Latein sondern in arabisch sind. Beim Gang durch die Burg kann man endlose Verteidigungsmauern, den Bergfried, unterirdische Fluchttunnel und Wasserreservoirs besichtigen.

Auch Pfusch am Bau fehlt nicht; der siebeneckige Turm der Befestigungsanlage sollte eigentlich achteckig sein, die Steinlagen sind nicht regelmäßig gesetzt und die Bogenelemente über den Türen passen nicht zusammen.

Wieder unten im Tal ist Tel Dan einer der zwei größten biblischen Stadthügel, nicht nur im Hulatal, sondern in ganz Israel. Man muss das Kind einfach mal beim Namen nennen; all die Glorie, mit der das alte Testament Jerusalem und das judäische Königreich überschüttet, ist ein bisschen geflunkert. Eigentlich war Jerusalem nur die kleine Hauptstadt eines provinziellen Königreiches mit einem großen Tempel. Aber in späteren Zeiten, als das vereinigte Königreich in ein Nordreich (Israel) und ein Südreich (Judäa) auseinandergefallen war, hatten die Judahiten einfach begnadetere Geschichtschreiber als die Israeliten, und so kommt es, dass das Königreich Israel zwischen den Blättern der Geschichtschreibung versunken ist,

während sich die Menschen von Patagonien bis zum Baltikum das Königreich von Judäa so groß wie das Pharaonenreich, so bedeutend wie Assyrien und so mächtig wie Babylonien vorstellen. Doch die Archäologie erzählt eine etwas andere Geschichte. Tel Dan ist Fundort spektakukärer Entdeckungen, unter anderem eines fast 4000 Jahre alten, vollständig erhaltenen Lehmziegeltores aus der Mittelbronzezeit. Leider, oder besser zum Glück für uns, zeigte sich kurz nachdem das Tor gebaut wurde, dass diese aus dem Norden importierte Lehmziegelbauweise für das Klima Kanaans nicht geeignet war. Das Tor wurde also mitsamt den Türmen, die es flankierten, unter neuen Befestigungsaufschüttungen begraben.

Nicht genug mit einem Tor, gibt es ein weiteres aus der Eisenzeit, das fast 1000 Jahre jünger, aber nicht weniger aufsehenerregend ist. Genau gegenüber dieses Tores befinden sich nämlich die Überreste eines prächtigen Podiums mit Pfostenhaltern für einen Baldachin. Hochstehende Persönlichkeiten oder gar der König selbst saßen auf dem Thron, der auf dem Podium aufgestellt war. Aber nicht um als hochwohlgeborener Türsteher zu fungieren, sondern wahrscheinlich um Recht zu sprechen und Präsenz zu zeigen. In 2 Samuel 19:9 beschreibt die Bibel keinen geringeren als König David, der sich ins Tor setzt und so seinem Volk beweist, dass er fähig ist die Macht auszuüben.

Einige Kilometer weiter südlich bewacht schon der nächste Stadthügel das Tal: Hazor. Die Bibel spricht davon, dass König Salomon die Mauern der Städte Megiddo, Hazor und Gezer baute, und interessanterweise finden sich in allen drei Städten sechskammerige Tore, die die Archäologen flugs und euphorisch Salomon zuschrieben. Das Problem ist jedoch, dass diese Sechskammertore rund 100 Jahre jünger sind als Salomons Regierungszeit. Die biblische Glorie Hazors muss man also woanders suchen als in Toren, zum Beispiel in der grandiosen unterirdischen Wasseranlage aus der Eisenzeit, die gewährleistete, dass die Bewohner auch in Belagerungszeiten sicher an ihr Wasser kamen.

Außer in der Bibel kommt Hazor in den Amarnabriefen, der Korrespondenz aus dem Palastarchiv des Pharaos Echnaton, vor. Zwei Briefe schrieb der König von Hazor an den Pharao. Mindestens einen Brief muß der Pharao zurückgeschrieben haben. Aber wo ist er? Archäologen hoffen, dass der Brief zusammen mit weiteren anderen unentdeckt im Archiv von Hazor unter den Trümmern der imposanten, im 13. Jahrhundert v.u.Z. zerstörten Palastanlage ruht.

Von Hazor ist es nur ein kurzer Sprung auf die Ostseite des Hulatales bis nach Ateret, der unglücklichen Templerburg am Jordanfluss. Die Kreuzfahrerzeit war unbestritten eine Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch inspirierender, interkultureller Begegnungen. Diejenigen, die das nicht wahrhaben wollten, waren die Ritterorden, allen voran die Templer.

Entgegen eines Abkommens zwischen König Baldwin IV. und Sultan Saladin, welches besagte, dass keine Bauaktivitäten am Jordanfluss stattfinden sollten, begannen die Templer 1178 eine Burg am letzten Übergang über den Jordan vor dem See Genezareth zu bauen. Das konnte Saladin nicht unbeantwortet lassen. Er nahm die Burg ein, tötete einen Großteil der Ritter und führte die Überlebenden in die Gefangenschaft. Was übrigblieb war eine halbfertige Burg, die von den Mächten der Natur gebeutelt wurde. Die Burg sitzt nämlich nicht nur am Jordanfluss, sondern auch auf der Naht zwischen der afrikanischen und der arabischen Platte, was zur Folge hat, dass die mächtigen Befestigugsmauern langsam auseinandergetrieben werden

und von tiefen Rissen durchzogen sind. Nichtdestsotrotz kann man in der Südostecke der Burg einen Backofen von gigantischen Ausmassen finden. Nicht der Durst nach Bier war unstillbar sondern der Appetit nach Brot. Brot wurde von allen, immer und überall gegessen. Dementsprechend durfte der Nachschub nie abreißen, und so baute man einen Backofen der eine untere Feuerkammer hatte und eine riesige darüberliegende Backkammer, die fortlaufend mit Unmengen von Brot beschickt werden konnte.

Und zum Schluss komme ich von Brot ganz mühelos zu Schokolade, und zwar so: Das Hulatal bietet Anblicke, so schön, dass einem das Herz dabei so langsam schmilzt wie Schokolade in heißer Milch;

von Tel Hazor hinüber auf die Vulkankegel des Golan, von der Burg Nimrod über die Wasser- und Felderlandschaft des Hulatals und die Naftaliberge, oder vom Hula Naturreservat hinauf in den Norden bis zur schneebedeckten Kuppe des Hermons.

Seien Sie sich sicher, dass ich noch nicht einmal ein Viertel desssen beschrieben habe, was man sich im Hulatal noch anschauen muss, zum Beispiel Metulla und den Ausblick in den Libanon, oder die Mühlen des Gilabunflusses, die Quelle von Ein Tin’a, die Burg Hunin oben

in den Naftalibergen, das verlassene arabische Dorf neben der Quelle von Ein Pit, das Hula-Naturreservat, den Snir-Fluss, oder ...

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