Mein Senf zu Israel

Der versteckte Architekt


Yehuda Magidovich – nicht gerade ein Name, den man sich gut merken kann. So heißen weder Raubritter, noch Seiltänzer noch Cowboys. Dabei begegnet man diesem Namen in Tel Aviv auf Schritt und Tritt. Buchstäblich. Nur nicht so wie man denkt. Tel Aviv, die jüdische Stadt am Mittelmeer wurde aus dem Sand gestampft. Eine Bastion europäischer Kultur mitten im Orient. Mit allem drum und dran, innen wie außen, die Einwohner genauso wie die Bauwerke. Das zumindest war der Plan der Stadtväter. Doch die Tel Aviver machten diesen Ambitionen einen Strich durch die Rechnung und schlugen in levantinischer Manier über die Stränge.

Auf die Bauwerke hingegen war in dieser Hinsicht Verlass. Sie stellten sich brav so zur Schau wie man sie errichtet hatte; der westliche Teil des Rothschildboulevards der 1910er Anfangsjahre erinnerte an Reihendörfer in Ungarn oder Rumänien, und die Bauten des internationalen Stils, die ab den Dreißigern die Stadt überschwemmten, sahen aus wie geradewegs aus Stuttgart, Weimar oder Dessau hierhergeholt.

Was in den 1920ern dagegen hingebaut wurde, stach die Bauwerke der Jahre davor und danach glatt aus. Der Eklektizismus regierte, und an den Fassaden tobten sich die unterschiedlichsten Architekturstile aus. Dabei dominierte der europäische Geschmack, angefangen bei Romanik, Gothik und Klassizismus bis hin zu Gründerzeit und Jugendstil. Hier und da streute man orientalische Elemente ein, persische, maurische und byzantinische.

Ein Architekt mischte die Palette der Architekturstile besonders virtuos und besonders rührig: Yehuda Magidovich. 1886 in Uman in der Ukraine geboren, studierte er an der Kunstschule in Odessa wo er 1910 graduierte. 1919 wanderte er nach Palästina aus, und war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

In der boomenden Metropole war er nämlich der erste Architekt, der einen Abschluß in Architektur vorweisen konnte. Diesem Umstand und seiner beruflichen Erfahrung hatte er es zu verdanken, dass er nur ein Jahr später Tel Avivs erster Chefingenieuer wurde. Zum Glück für Tel Aviv!

Egal ob man auf dem Rothschildboulevard spaziert, auf der Herzl-, Allenby- oder Montefiori-Straße läuft, auf dem Davidssternplatz vor dem Carmelmarkt sitzt oder auf dem Dizengoffsquare, früher oder später fällt der Blick auf eines seiner Bauwerke. Und zwar nicht irgendwelche, sondern ganz besondere.

Auf dem Rothschild Boulevard hat Magidovich zwei der Wahrzeichen der Straße errichtet. 1921 baute er an der Nummer 32 die “Pension Ginosar“.

Der Name ist dabei irreführend. Das Gebäude war keine schnöde Herberge, sondern das erste Luxushotel Tel Avivs. Die elegante Aufmachung des Bauwerkes mit den Arkaden unter denen ein Café untergebracht war, zeugt noch heute von vergangenen Urlaubsfreuden. Ein paar Gehminuten weiter,

an der Nummer 46 entwarf er 1924 das Wohnhaus der Famlie Levin: eine Villa im italienischen Stil umgeben von einer prächtigen Gartenanlage. Als besonderen Clou wies der Eckturm eine raffinierte Vorrichtung auf, die es ermöglichte das Turmdach auseinanderzuschieben. Somit konnte man an Sukkot, dem jüdischen Laubhüttenfest, so wie es die Tora vorschrieb, durch das Dach hindurch den Himmel sehen.

Biegt man der Pension Ginosar in die Allenbystraße ein, findet man dort gleich zwei Synagogen, die von Magidovich errichtet wurden. An der Nummer 89 die Moshav Zekinim Synagoge, ein eher geradliniger Bau, der durch seine jüdische Ornamentik und die aus der Kunstschule Bezalel stammenden Kacheln seine Funktion verrät und an der Nummer 110 die große Synagoge. Hier muss man schon genauer hinschauen. Die dem Gebäude in den 60er Jahren vorgestellten Bögen waren zwar gut gemeint, verfehlten aber ihr Ziel. Sie sollten der Synagoge ein modernes Aussehen verleihen, stattdessen geben sie dem Ganzen den Charme einer Schuhfabrik. Um also die Synagoge hinter all den Ergänzungen zu finden, muss man hoch hinaus, auf die Dächer der Stadt. Und da erhebt sie sich groß und unverkennbar, die Kuppel der ursprünglichen Synagoge die Magidovich als mächtigen Zentralhallenbau geplant und ausgeführt hatte.

Ein weiteres Hotel, das Magidovich 1925 baute, ist das Hotel Nordoy an der Ecke Grutzenberg und Nahalat Benjamin Straße. Dass es heute, nach fast hundert Jahren, immer noch ein Hotel ist, hat es vielleicht seiner Dachterrasse, der Kuppel über dem Erker an der Ecke und insgesamt der gemütlichen Ausstrahlung eines Wiener Kaffeehauses zu verdanken.

Und da wir gerade, oder schon wieder bei Hotels sind ... Auch der Bauhausstil ging nicht spurlos an Magidovich vorüber. 1938 auf der Höhe des internationalen Stiles in Tel Aviv baute er am Dizengoffsquare das “Cinema Esther“.

Wie es der Name schon sagt ursprünglich ein Kino. Von den Schörkeln, Ballustraden, Kuppeln und Arkaden keine Spur mehr.

Der Bau besticht mit klaren Linien, durchgezogenen Balkonbändern und einem schlicht gehaltenen aber grandiosen Treppenhaus. Nach langen Jahren des Verfalls wurde es renoviert und 2001 als “Hotel Cinema“ wieder eröffnet.

Ein anderes von Magidovichs Gebäuden im internationalen Stil hatte es da weniger gut. Wenn man auf dem Davidssternplatz steht und dem Carmelmarkt den Rücken zuwendet, blickt man genau auf das Gottgold Haus, das 1935/36 von Magidovich und seinem Sohn Rafael gebaut wurde. Der Bau ist in einem erbärmlichen Zustand. Der Putz blättert und die schwebenden Balkone sind fast alle mit häßlichen Fenstern und häßlichen Jalousien zugebaut. Das, was jedoch unangetastet blieb, ist die durchlaufende Dachpergola, die dem Gebäude ein unverwechselbares Aussehen verleiht.

Über 500 Gebäude hat Magidovich in Tel Aviv gebaut, die vom alten Süden bis in den alten Norden der Stadt zu finden sind. Wenn man all diese Häuser zusammenschieben würde, würde dabei eine Kleinstadt herauskommen.

Manche Gebäude wurden schnell auf dem Reißbrett hingeworfen und sind eher unscheinbar oder im besten Falle gefällig. Andere dagegen wurden sorgfältig durchdacht und sind eine Wonne anzuschauen.

Bis heute!

Wunderbar einzigartig sind sie aus dem Stadtbild Tel Avivs nicht mehr wegzudenken.

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