Mein Senf zu Israel

Ich wünscht, ich wär ... ein Spion!

Wenn mich jemand fragen würde, was ich gern in meinem früheren Leben gewesen wäre, dann würde ich ohne zu Zögern antworten: ein Spion! Nicht irgendeiner natürlich, sondern ein ganz besonderer, einer der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die englische Krone im Heiligen Land herumschnüffelte.

Klar ist spionieren gefährlich, aufregend, denken wir nur mal an Jonny English oder 007, aber spionieren kann auch romantisch sein. So romantisch, dass dagegen sämtliche Pharaonentöchter, keltische Druidinnen oder deutsche Burgfräulein vorheriger Leben alt aussehen.

Glauben Sie mir! Ich habe die Bilder dazu! In vier Bänden mit dem klingenden Namen "Picturesque Palestine", 11 Kilo schwer, mittlerweile fast 140 Jahre alt, und die Texte dazu wurden von den bedeutensten Forschern ihrer Zeit geschrieben; Nach dem Lektor dieser Bücher, Charles W. Wilson, ist der mittlere Gewölbebogen, den man durchqueren muss, wenn man vom moslemischen Viertel zur Klagemauer will, benannt, und den Namen eines weiteren Autors, nämlich Tristram, tragen die kleinen schwarzen Vögel mit dem orangen Untergefieder die jeder gesehen hat, der schon einmal in Massada war.

Die Bücher habe ich mir ganz einfach gekauft, ihre Entstehung dagegen war ein klein wenig aufwendiger:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die britische Regierung an einem Fleck des Osmanischen Reiches ganz besonders interessiert: der Provinz Palästina. Das Interesse war dabei nicht nur von christlicher und anthropologischer Neugier geleitet, sondern auch von militärischen Erwägungen. Genauso wie man die Schauplätze der Geschichten des alten und neuen Testamentes entdecken und beschreiben wollte, war man darauf erpicht Wasserwege, Verkehrsadern und Verteidigungsanlagen für den Fall einer militärischen Kampagne zu dokumentieren. Auf der Landbrücke zwischen Asien und Afrika gelegen bildete Palästina nämlich das Tor tief hinein nach Afrika und hoch hinauf in die Weiten Asiens, und wer hier den Chefsessel eroberte, dem fielen die Schlüssel zu zwei Kontinenten in die Hände.

In den 1870ern also bereiste eine Expedition ganz Palästina, dazu Teile des heutigen Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten. Ausgerüstet mit Malerstaffel und Messgerät bannten sie alles auf Papier, was von Beirut im Nordwesten bis Petra im Südosten bemerkenswert war: Burgruinen, alten Bäume, stille Altstadtgassen, reißende Flüsse, Pilger aus aller Welt ... Dabei begegnete ihnen nicht nur Interessantes, Erstaunliches oder Kurioses, waren sie zur falschen Zeit am falschen Ort, konnte es passieren, dass die Arbeiten wegen Kämpfen zwischen verfeindeten Beduinenstämmen, Hitzewellen, Überschwemmungen oder hohem Pilgerandrang (eine andere Art von Überschwemmung) unterbrochen werden musste. Doch wenn alles seinen geplanten Gang ging, wurde es malerisch. Und hier kommt auch mein Neid in Gang. Wenn wir uns heute mit tausenden von andern Touristen und Pilgern in umlagerte Sehenswürdigkeiten hineindrängeln, -quetschen und uns im schlimmste Falle daran vorbeischieben müssen, betraten diese Männer Neuschnee, ein unberührtes Gebiet voller Geheimnisse und Überraschungen, das selbst abgehärtete Abenteurerherzen zur Raserei bringen konnte. Die Forscher hatten dabei Zeit, Muse und die richtige Atmosphäre. Nach getaner Arbeit rasteten sie an Lagerfeuern unter jahrhundertealten Olivenbäumen, umgeben von jahrtausendealten Ruinen, tranken Kaffee, Tee und Wasser aus geschwungenen Gläsern und Kannen und hätten sich, so wild, wie sie aussahen, gegenseitig Model stehen können. Herausgekommen sind über 700, teils ganzseitige Illustrationen, die das Leben im Heiligen Land vor über 100 Jahren in einer solchen Detailtreue zeigen, dass man am liebsten kopfüber eintauchen möchte.

Hier nun ein paar der Impressionen die uns die Zeichner von Jerusalem hinterlassen haben:


Dort wo vor über hundert Jahren die Weizenernte in vollem Gang war, erhebt sich heute auf dem Scopusberg der Campus der Hebräischen Universität von Jerusalem. Dem Dach der Zentralbibliothek habe ich es zu verdanken, dass ich den Zeichnern der "Picturesque Palestine"–Bände ein paar Höhenmeter voraus bin.

Den Garten Gethsemane haben die meisten, die nach Jerusalem kommen, gesehen, doch die wenigsten dürfen ihn betreten. Und wenn dann doch mal jemandem diese ganz spezielle Ehre zuteil wird, dann ist es auch für all diejenigen, die immer noch draußen stehen, ein ganz bewegender Augenblick.

Auf dem Bild ist die sechste Station der Via Dolorosa mit dem Haus der heiligen Veronika zu sehen. Die Bronzeplaketten mit den römischen Nummern, die heute die erste bis neunte Station der Via Dolorosa in den Straßen Jerusalems markieren, wurden, kurz nachdem die Zeichner der Picturesque Palestine die Stadt porträtiert hatten, angebracht. Bis heute zeigen sie Pilgern, welchen Weg Jesus am Tag seiner Hinrichtung gegangen war.

Zumindest heutzutage sind heilige Stätten veränderungsresistent. Die Architektur bleibt, nur die Dekoration ändert sich ab und an. Für die Renovierungsarbeiten an der Grabeskapelle in der Grabeskirche wurde der gesamte Schmuck des Grabes abgenommen. Im März und April 2017 wurde er allmählich wieder angebracht, allerdings mit Veränderungen, wenn man genau hinschaut.

Die Kapelle Helenas in der Grabeskirche dagegen wurde generalüberholt. Der Fels der Zisterne der Kreuzesauffindung wurde wegeghackt, einige Bilder wurden abgehängt, und der alte Holzaltar musste einem Altar aus Marmor weichen.

Dass das Jaffator heute verteidigungstechnisch gesehen verhunzt daherkommt, hat es Willhelm II. zu verdanken. Zu Ehren des kaiserlichen Besuches im Jahre 1898 wurde die Stadtmauer aufgebrochen und ein Teil des Festungsgrabens um die Davidszitadelle verfüllt. So konnnte der hochherrschaftliche Besuch bequem mit der Kutsche in die Altstadt einfahren. Die Autofahrer danken es ihm heute!

Als Verbindung zwischen den arabischen und jüdischen Vierteln nördlich der Altstadtmauern und der Altstadt ist der kurze Straßenabschnitt, der vom Damaskustor zur Gabelung von Khan es Zeit und al Wad Straße hinunterführt damals wie heute voller Menschen und Händler. Und heute bekommt man hier, wie anno dazumal, das beste Obst und Gemüse der Saison: Maulbeeren, Avokados, Misqaui-Aprikosen, Weinblätter, frische Kichererbsen und Mangos.

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