Mein Senf zu Israel

Mein Baum, mein König!

Eigentlich ist man ja an keinem guten Platz, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, aber es kann tatsächlich etwas Positives an sich haben, wenn einem Bäume die Sicht versperren. Natürlich nicht irgendwelche, sondern solche, die was hermachen: uralte, mächtige Bäume, die ihrer Umgebung die Show stehlen! Die erste Baumadresse, die einem dazu hier in Israel in den Sinn kommt, ist der Garten Gethsemane, der Ort der Todesangst Jesus.

Das Alter der Olivenbäume dort wird auf 1000 bis 2000 Jahre geschätzt, und wenn man sich die hölzernen Greise anschaut, glaubt man das ohne zu zögern. Knorrig und alterskrumm auf steinerne Krücken gestützt, grünen sie unbeirrbar, und verwandeln den einst düsteren Ort in eine Oase voller Anmut und Zauber.

Dabei ist es ganz und garnicht selbstverständlich, dass Bäume Jahrhunderte und Jahrtausende überleben. Nicht nur alterschwache Wurzeln und Parasiten sondern auch Gottesfurcht und Gesetzeslücken setzen ihnen zu. Schon im Deuteronomium wird Götzendienst jeglicher Art verdammt, egal ob er nun auf einem Altar, auf einem Berg, vor einer Säule oder einer Statue stattfand. Der einzige Ort, an dem von nun an der einzig wahre Gott verehrt werden durfte, war der Platz, den Gott sich selbst auswählte. Bäume bildeten da keine Ausnahme!

Man verjagte die ehrfürchtigen Massen aus ihrem Schatten, und wenn die Bäume Glück hatten, wurde ihnen und ihrer Magie die Gnade des Vergessens zuteil. Jahrtausende lang hing so das Baumleben buchstäblich am seidenen Faden, bis in den 1970ern ein Gesetz zum Schutz erhaltenswerter Bäume verabschiedet wurde. Doch auch heute noch sind, trotz gewissenhafter Beamter und immer kleiner werdender Gesetzeslücken, Bäume am sichersten, wenn sie entweder hinter einer Kirchen-mauer oder auf einem Areal stehen, das nicht Gefahr läuft, irgendwann als Bauland designiert zu werden.

Die Bäume im Garten Gethsemane sind zwar die Superstars, wenn es um vegetabilische Zeitzeugen biblischer Ereignisse geht, aber wie das eben so ist, hat Ruhm auch etwas damit zu tun, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Und so gibt es zahlreiche, nicht weniger altehrwürdige Baumkönige, die es verdient hätten, genauso berühmt zu sein. Die Mamreeiche in Hebron zum Beispiel.

In ihrem Schatten traf Abraham die drei Engel, und fast zweitausend Jahre später tummelten sich unter ihren Zweigen illustere Völkchen, wie Idumäer, Phönikier, Araber und Juden, um Opfer darzubringen. Noch im Jahre 1849 schlug die Frau des britschen Konsuls von Palästina Elisabeth Finn mit Familie und Freunden für drei Wochen ihr Sommerlager im Schatten des Baumes auf. Fünf Zelte passten unter die weitausladende Krone. Doch damit ist es vorbei. Der Baum der soviele Jahrhunderte der Zeit getrotzt hat, ist heute nur noch ein verdorrter Stumpf.

Die Sykomore, auf die der Zollpächter Zachäus kletterte um Jesus bei seinem Einzug in Jericho besser sehen zu können, hat es dagegen besser getroffen. Sie grünt und blüht noch, aber etwas stimmt trotzdem nicht. Für ein stattliches Alter wie 2000+ Jahre ist der Baum eigentlich zu klein!

Da wäre, zumindest was das Alter betrifft, ein anderes Exemplar eines Maulbeer-Feigenbaumes schon eher ein Kandidat. Allerdings steht er am falschen Ort. In Netanya, nördlich von Tel Aviv an der Mittelmeerküste gelegen, befindet sich am Rand der Stadt ein kleiner Park. Und in diesem Park ein Baum, der einem die Sprache verschlägt. Riesig ist garkein Ausdruck! Jeder Ast ist so massiv wie ein Stamm, und im Stamm selbst könnte man bequem ein Gartenhäuschen unterbringen. Schon die Kreuzfahrer haben ihn gekannt, als sie die Burg Rogers des Lombarden bauten, und der große jüdische Philantroph Moses Montefiori rastete 1839 während einer seiner Palästinareisen in seinem Schatten.

Wie man an der Sykomore von Netanya sehen kann, werden heute auch Baumveteranen unter deren Ästen sich keine heiligen Geschichten abspielten, allein ihres Alters wegen geschätzt. Genau hinter einer scharfen Kurve im drusischen Dorf Usfiyah bietet sich dem, der nicht hinterm Steuer sitzt und die Straße im Auge behalten muss, ein sonderbarer Anblick. Direkt am Straßenrand aufgereiht, stehen scheinbar abgestorbene, riesige Baumstämme, doch bei genauerem Hinschauen sieht man an manchen von ihnen junge Triebe die trotz fehlenden Erdkontaktes ungerührt wachsen.

Das Areal hinter diesem ungewöhnlichen Straßenspalier entpuppt sich als Schreinerwerkstatt und Sanatorium für Baumgreise gleichermaßen. Hier entstehen aus Totholz wunderschöne Gebrauchsgegenstände und Skulpturen, während auf dem Feld hinter der Werkstatt uralte entwurzelte Bäume wieder aufgepäppelt werden.

Wie mir Schachar, der Besitzer der Werkstatt erklärt, haben Baumsenioren Hochkonjunktur. So wie man Oldtimer, historische Gemälde oder Stilmöbel sammelt, so sind uralte Bäume Trophäen. Und die stellt man nicht nur gern in privaten Vorgärten zur Schau, sondern auch auf den Verkehrsinseln der jüdischen Städte und Siedlungen. Schließlich kann ein Jahrhunderte alter Olivenbaum charmant davon ablenken, dass das triste Neubaugebiet drum herum sehr viel jünger ist.

Während manche Bäume eine wahre Odysee hinter sich haben, bevor sie eine neue Heimat finden, führen andere Bäume ein unaufgeregteres Dasein. Und um zu sehen, wie das aussieht, muss man nur über die Bordsteinkanten der antiken Straßen hinausschauen und die altbekannten Pfade verlassen.

Am Rande des alten Patriarchenweges der Jerusalem mit Hebron verbindet, liegen unterhalb des Kibbutzes Ramat Rachel mitten in einem Olivenhain die Ruinen der Kathisma-Kirche. Die einstige Pracht der Kirche lässt sich nur erahnen, wenn man genauer hinschaut, aber die Bäume, die schon seit Jahrhunderten auf den Ruinen wachsen, legen weithin sichtbares Zeugnis davon ab, wie uralt die Überreste der Kirche sind.

Kerem Maharal befindet sich weitab von vielbefahrenen Straßen einige Kilometer nordöstlich von Caesarea, und außer Geologiebegeisterten und besonders ortskundigen Einheimischen verirrt sich kaum jemand hierher. Dabei ist dieser Ort magisch. Hier altern nämlich, genährt von der fruchtbaren Asche eines einst submarinen, erloschenen Vulkanes, Olivenbäume ihrem ersten halben Jahrtausend entgegen.

Das Tal des Galimflusses ist genauso wenig bekannt. Es befindet sich am Südrand von Haifa, und wer hierherfindet, begegnet gar einer Kopie des Gartens Gethsemane. Monumentale Olivenbäume, deren Stämme sich schon unter der Last der schweren Kronen verdreht haben, wachsen dort seit die Kreuzfahrer das Heilige Land eroberten, Ölbäume pflanzten und sich in der Herstellung von Olivenöl übten.

Ganz oben im Norden fast an der libanesischen Grenze, in Kedesch stand bis 2006 inmitten von Ruinen der römischen Zeit eine atlantische Pistazie, die so mächtig war, so gebeugt vom Alter, dass man wiederspruchslos glaubten konnte, dass sie gepflanzt wurde, als die Römer hier ihren Tempel bauten.

Doch der alte Baum ist abgebrannt und was von ihm übrig geblieben ist, ist zum Denkmal der unausweichlichen Vergänglichkeit geworden.

Fast auf Schritt und Tritt begleiten uns diese Zeugen lebendiger Vergangenheit, doch beim Staunen

über erhabene Gewölbe, erfurchterheischende Mauern und prachtvolle Altäre vergessen wir manchmal, dass einen heiligen Ort nicht nur das ausmacht, was der Mensch geschaffen hat, sondern auch dass, was die Natur dazugegeben hat. Und so sind für mich die heiligsten Orte jene, an denen uralte Bäume in trauter Eintracht mit uralten Mauern altern dürfen.

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