Mein Senf zu Israel

Mein Senf zu Israel


„Mein Senf zu Israel“ klingt schräg, ich weiß! Doch passen Senf und Israel wirklich nicht zusammen? Die Antwort darauf kann nur eine kleine Spurensuche in den Straßen Jerusalems und Tel Avivs liefern.

Gesagt, getan und schon führt mich mein erster Weg in die Jerusalemer Altstadt. Seit Jahren finde ich hier alles, was meine Kochkünste aufpeppt, und wenn jemand etwas über Senf weiß, dann wohl die Gewürzhändler Jakob und Isaac.

Als ich nachfrage, zieht Jakob eine Schublade auf: „Schwarze Senfkörner gegen Rheumatismus und gelbe Senfkörner...“, er verstummt.

„Wofür benutzt ihr die?“, hake ich nach. „Wir? Es gibt keinen Senf in der arabischen Küche! Er kommt gemahlen in ein Barbequegewürz

amerikanischer Art.“ Ich gebe noch nicht auf: „Und wenn ihr es mal sauer mögt?“. Er zeigt nach rechts wo ein braunroter Hügel emporragt: „Sumac und getrocknete persische Zironen.“.

Abu Omar, der Chef meines Lieblings-Cafés ein paar Straßen weiter, weiß nichts von Senfkörnern, genausowenig wie die Hummusexperten im Lina-Restaurant, die ungläubig schauen, als ich das Gespräch auf Senf bringe.

Also verlassen ich Jerusalem und versuche mein Glück auf dem Carmelmarkt in Tel Aviv. Am Gewürzstand auf der rechten Seite ist die Händlerin verwirrt: „Senf? Wenn du etwas richtig Scharfes brauchst, nimm doch das Shug der Jemeniten oder marokkanisches Chraime.“. Sie hält mir einen Löffel mit rotem Pulver hin, ich probiere brav, und meine Zunge wird taub. Kein Wunder, dass so viele Geschichten über das Temperament der Marokkaner im Umlauf sind, mit solchen Scharfmachern im System würde ich auch ständig heißlaufen.

Ausgerechnet an einem Gemüsestand jedoch werde ich fündig. Der Händler schaut freundlich, und ich frage wieder nach Senf. Er überlegt: „Viele mischen Senf in den Salat.“. Gar keine schlechte Idee, denke ich, und er fährt fort: „Die Blätter haben ein würziges Aroma.“. „Die Blätter?“ „Hier!“, er hebt eine fleischige Pflanze hoch, die ein bisschen wie heller Mangold aussieht.

Ich schaue perplex: „Das ist Senf?“. Er nickt und lässt mich kosten. Es schmeckt wie Rucola.

Kurz nachgegoogelt, stellt sich heraus, dass der Händler Recht hat. Mein anämischer Mangold ist Chinesischer oder Indischer Senf.

Doch abgesehen von dieser Entdeckung, habe ich einfach kein Glück. Die Carmel-straße hinauf und hinunter, stellvertretend für die orientalische Küche, sei sie nun palästinensisch, sephardisch oder misrachisch, moslemisch, christlich oder jüdisch, herrscht chronischer Mangel an Gewürzsenf!

Dabei ist Senf gar keine Seltenheit in Israel! Und dass dem so ist, dafür dafür haben die aschkenasischen (europäischen) Juden gesorgt. Aber nicht die, die mit den ersten Einwanderungswellen zwischen 1882 und 1933 aus Osteuropa kamen, sondern die Jekkes (deutsche Juden), die besonders mit der fünften Aliyah ins Land strömten. Schon vor fast 100 Jahren brachten sie den Appetit nach Würstchen, Senf und Sauerkraut im Gepäck mit. Doch für die wundersame Vermehrung des Senfes im Einzelhandel sind die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion verantwortlich.

Mehr als eine Million Neueinwanderer nahm Israel seit 1989 auf und mit ihnen eine steigende Nachfrage nach Senf. Heute braucht man nur in den Supermarkt zu gehen, und da steht er im Regal, importiert aus Russland, Frankreich und den USA, mild, scharf und extra scharf und daneben tatsächlich auch Senf ‘Made in Israel‘, ein wenig essiglastig, aber immerhin!

Womit ich jetzt eigentlich fertig wäre ...

Doch die wirkliche Überraschung, wenn es um Senf und Israel geht, hält die Natur bereit! Wer hier im Frühling ins Grüne fährt, kann sein wahres Senfwunder erleben. Soweit das Auge reicht, blüht er hunderttausendfach und hellgelb am Wegesrand: sinapis arvensis - wilder Senf.

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